Buchrezension „Der Verdacht“ Friedrich Dürrenmatt

Die Zoom Veranstaltung zu „Der Verdacht“

findet am 29.05.2021 um 17.00 Uhr statt. Interessenten bitte mit email an connie@schreibblogg.de anmelden

„Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist.“

Der Verdacht. In: WA 20, S. 252.

Zum Inhalt/Zusammenfassung „Der Verdacht“

Bei seinem Krankenhausaufenthalt entdeckt Kommissär Bärlach in der Zeitschrift „Life“ die Fotografie eines KZ-Arztes, der Operationen ohne Betäubung an den Insassen ausführte. In Bärlach keimt der Verdacht, dass Dr. Emmenberger, den Dr. Hungertobel sein behandelnder Arzt und langjähriger Freund, auf dem Foto zu erkennen glaubt, sei dieser Arzt gewesen.

Bärlach lässt sich von Hungertobel mit falscher Identität in Emmenbergers Klinik Sonnenwende in Zürich einliefern, um den Verdächtigen zu entlarven und zu überführen.

Anstatt ermitteln zu können, wird Bärlach selbst zum Gejagten. Emmenberger hat den Kommissär durchschaut und beabsichtigt ihn, ohne Narkose zu operieren. Im letzten Moment wird er von Gulliver gerettet.

Gibt es eine historische Quelle?

Andreas Mauz schreibt hierzu im Dürrenmatt Handbuch:

Wie der Journalist und Krimiautor Ulrich Ritzel in einem Briefwechsel mit Peter von Matt vermutet, könnte Dürrenmatt bei der Figur des Arztes Nehle/Emmenberger der deutsch-schweizerische Anatom August Hirt (1898–1945) vor Augen gestanden haben. Der SS-Mann war im elsässischen KZ Natzweiler-Struthof für eine Gaskammer verantwortlich und an Menschenversuchen beteiligt. Im Herbst 1944 kam er auf der Flucht auf einem Einödhof in der Nähe von Schönenbach unter; laut der dörflichen Überlieferung wurde er dort geduldet, weil er der Tochter des Bauern, die an einem Abszess im Hals zu ersticken drohte, durch die Notoperation einer Koniotomie (umgangssprachlich fälschlich auch ›Luftröhrenschnitt‹ genannt) das Leben rettete. Genau diesen Eingriff nimmt in einer Notsituation auch Dürrenmatts Figur vor. Hirt nahm sich im Juni 1945 das Leben.

Vielleicht ist auch noch zu bemerken, dass Dürrenmatt den Roman geschrieben hat, als er selbst im Krankenhaus lag.

Aufbau „Der Verdacht“

Der Roman ist in zwei Teile mit unterschiedlichen Schauplätzen gegliedert. Der Schauplatz ist in beiden Fällen Bärlachs Krankenzimmer in unterschiedlichen Kliniken.

Der erste Teil spielt in Bern im Spital Salem, dort erholt sich der Kommissär von einer Operation, die ihn zwar nicht heilt, aber ein weiteres Jahr Lebenszeit verschafft. In sieben Kapiteln, die den Zeitraum von 27.12.1948 bis 30.12.1948 erzählen, verdichtet sich sein Verdacht soweit, dass er sich leichtsinnig in die Höhle des Löwen begibt.

Der zweite Teil (11 Kapitel) schließt nahtlos daran an. Bärlach erlebt den Jahreswechsel in Zürich und wird am 6.1.1949 gerettet.

Dürrenmatt schildert in den Gesprächen, durch Retrospektiven und Monologen die Geschehnisse der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ab, die teilweise die Handlung begründen. Die drei wichtigsten Dialoge finden zwischen Bärlach und Gulliver, Bärlach und Morlok und Bärlach und Emmendinger statt.

In allen drei Gesprächen geht es um die Vergangenheit, Moral, Recht, Macht und Glauben. Dabei werden sowohl politische als auch philosophische Fragen aufgeworfen, wie: Legalität und Legitimität, Stalinismus, Nationalsozialismus, Nihilismus und die Rolle der Schweiz gegenüber Nazi-Deutschland. Und wie immer folgt daraus die Frage: „Wer trägt Schuld und kann es Gerechtigkeit geben?“ Letztlich gipfelt alles in der anthropologischen Frage, „Was ist der Mensch?“

In Dürrenmatts Werken geht es immer um Verbrecher, Verbrechen, Schuld und Verantwortung und Recht und Gerechtigkeit.

Die Charaktere in „Der Verdacht“

Die drei Hauptpersonen sind Kommissär Bärlach, Dr. Emmenberger und Gulliver. Auch Frau Dr. Marlok hat eine sehr interessante Rolle.

Kommissär Bärlach als tragischer Held

Dürrenmatt stellt Hans Bärlach in „Der Richter und sein Henker“ dem Publikum vor, und wir erfahren, dass Bärlach schon als Polizeikommissar in Frankfurt und der Türkei erfolgreich war. Er kehrte in seine Heimatstadt Bern zurück, nachdem er in Nazi-Deutschland einen hohen Beamten geohrfeigt hatte.

Er ist ein passionierter Raucher und ein exzellenter Beobachter. Konventionen sind ihm nicht wichtig. Er will Gerechtigkeit, auch wenn er dabei selbst schuldig wird.

Aber Bärlach ist sterbenskrank. Er hat, wenn alles gut läuft vielleicht noch eine Lebenserwartung von einem weiteren Jahr.

Der Leser lernt in diesem „Krimi“ viele Abgründe kennen. Und er lernt Bärlach aus einer anderen Sicht kennen. Bärlach zweifelt, vielleicht sogar verzweifelt und er hat große Angst. Dürrenmatt bringt eine bedrückende Atmosphäre, die einen handlungsunfähigen Bärlach zeigt, der in einer Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet

„Dann kroch er langsam gegen die Türe, schob sich mit den Unterarmen vor, erreichte sie, versuchte sich aufzurichten, nach der Falle zu greifen, fiel zurück, blieb liegen, versuchte es noch einmal, ein drittes Mal, ein fünftes Mal. Vergeblich. Er kratzte an der Türe, da ihm das Schlagen mit der Faust zu mühsam wurde. Wie eine Ratte, dachte er.“

Der Verdacht. In: WA 20, S. 257.

Dr. Fritz Emmenberger als Antagonist

Wie von Dürrenmatt gewohnt, hat Bärlach einen Gegenspieler. Emmenberger ist der Folterknecht. Emmenberger ist Arzt und hat zusammen mit Hungertobel studiert. In der Gegenwart des Romans leitet er die Klinik Sonnenstein in Zürich. Auch hier ist der Gegner des Kommissärs ein Nihilist. Er steht im Verdacht im KZ Stutthof medizinisch fragwürdige und moralisch verabscheuungswürdige Experimente an den Insassen durchgeführt zu haben. Einer davon war Gulliver.

„Der Mensch, was ist der Mensch!“ lachte der Arzt. „Ich schäme mich nicht, ein Kredo zu haben, ich schweige nicht, wie Sie geschwiegen haben. Wie die Christen an drei Dinge glauben, die nur ein Ding sind, an die Dreieinigkeit, so glaube ich an zwei Dinge, die doch ein und dasselbe sind, daß etwas ist, und daß ich bin.“

Der Verdacht. In: WA 20, S. 250.

Gulliver

Man denkt gleich an Gullivers Reisen. Eine Märchenfigur. Ich glaube, der Zwerg oder Gulliver sind als Stellvertreter der Opfer des Nationalsozialismus zu sehen. Diese Kriegsgräuel sind vielleicht nur zu ertragen, wenn man ihnen eine Unwirklichkeit anhaftet oder den Nazis das Menschsein aberkennt, genauso wie die Nazis es mit den Juden gemacht haben. Während die Nazis den Juden die Menschenrechte aberkannt haben, um es leichter zu machen, sie zu foltern, zu quälen und zu töten, erkennen wir den Tätern posthum alles Menschliche ab, um zu ertragen, dass Menschen wie wir, wie unsere Großeltern, Urgroßeltern oder Ur-Urgroßeltern, diese Gräuel begangen haben.

«Es waren Tiere, Salomon!“

Der Verdacht. In: WA 20, S. 123.

Nach dem Krieg war Gulliver verschwunden und wurde für tot gehalten. Er hatte Emmenbergers Operation überlebt. Das Foto aus der Life stammt von ihm.

Er rettet durch den Tod Emmenbergers, das Leben von Bärlach und Hungertobel.

„Du bist mein Freund“, erwiderte der Eingedrungene, „so bin ich gekommen.“ Sein Kopf war kahl und mächtig, die Hände edel, aber alles mit fürchterlichen Narben bedeckt, die von unmenschlichen Mißhandlungen zeugten, doch hatte nichts vermocht, die Majestät dieses Gesichts und dieses Menschen zu zerstören.

Der Verdacht. In: WA 20, S. 147..

Dr. Marlok

Auch Dr. Marlok lernte Emmenberger im KZ Stutthof kennen. Wie viele andere Kommunisten ihrer Zeit floh sie in die Sowjetunion, wird aber dort vom Stalinismus eingeholt, interniert und an die Nazis ausgeliefert. Wer sich für Romane aus dieser Zeit interessiert, dem empfehle ich das Buch „Metropol“ von Eugen Ruge. Zur Rezension.

Im KZ wird sie zur Geliebten Emmenbergers, um zu überleben. Sie wird seine Handlangerin und somit vom Opfer zur Täterin. Sie hat alle Illusionen verloren, ist morphiumsüchtig und hat für Bärlach nur Zynismus übrig. Im Gespräch erklärt sie Bärlach den Charakter Emmenbergers, aus ihrer Sicht und bezeichnet ihn als Höllenfürsten.

„Alles, was Emmenberger in Stutthof tat, in dieser grauen, unübersichtlichen Barackenstadt auf der Ebene von Danzig, das tut er nun auch hier, mitten in der Schweiz, mitten in Zürich, unberührt von der Polizei, von den Gesetzen dieses Landes, ja, sogar im Namen der Wissenschaft und der Menschlichkeit; unbeirrbar gibt er, was die Menschen von ihm wollen: Qualen, nichts als Qualen.“

„Nein“, schrie Bärlach, „nein! Man muss diesen Menschen abschaffen!“

„Dann müssen Sie die Menschheit abschaffen“, antwortete sie.

Der Verdacht. In: WA 20, S. 224.

Interpretationsansätze „Der Verdacht“

Dürrenmatts Spiel mit dem Genre

Dürrenmatts Ermittler Bärlach hat im Krankenbett nur einen beschränkten Handlungsspielraum. Er ist seinem Mörder ausgeliefert und überlebt nur, weil Gulliver als „Deus ex Machina“ ihn rettet.

Die Ziel eines Krimis, die Rechtsordnung wieder herzustellen, wird verfehlt. Emmenberger kommt nicht vor Gericht und muss sich nicht öffentlich für seine Taten verantworten. Gulliver agiert als alttestamentarischer Rächer.

Das Ziel Bärlachs, Emmenberger in der Öffentlichkeit anzuprangern, dass ein Nazi einfach in der Schweiz seine Verbrechen unbehelligt fortsetzen kann, wird verfehlt.

Es gibt auch keine Suche nach dem Täter, weil dieser schon zu Beginn feststeht.

Legalität versus Legitimität

Rechtspositivisten; Was legal ist, ist auch legitim.

John Rawls hingegen, weiß darauf hin, dass ein Rechtssystem nur fast gerecht ist. In der Gesetzessammlung können Gesetzes untereinander kollidieren, dann gilt es sich auf eine höhere Ebene zu beziehen. Es geht um Grundprinzipien, wie den Naturrechten. (Pierre Bühler | Die Spannung zwischen Legalität und Legitimität: eine heilsame Herausforderung). Auch Jürgen Habermas hat sich ausführlich damit beschäftigt.

Im Nationalsozialismus wurden Gesetze verabschiedet, die das Vorgehen in der Konzentrationslägern legalisierten, die aber keinesfalls legitim waren.

Ist Bärlach im Sinne Dürrenmatts ein mutiger Mensch?

Dürrenmatts Ansicht zu einem mutigen Menschen:

Ist Bärlach ein Individuum, das schnell und selbst- bzw. eigenständig gegenüber der Masse (dem Staat, dem Kollektiv) handelt? Nimmt Bärlach seine Verantwortung wahr, indem er nicht mehr mitspielt?

Sieht Bärlach der Wirklichkeit ins Auge und kämpft mir ihr? Ein mutiger Mensch akzeptiert die Wirklichkeit.

Unrechtssystem wie Gulag und Nationalsozialismus und auch die Rolle der Schweiz.

Fazit/Kritik „Der Verdacht“

Dieser Roman hat mich weitaus länger beschäftigt, als ich das vorgesehen hatte. „Der Verdacht“ ist ein Füllhorn an Motiven, Bildern, Assoziationen, Hinweisen und Inhalten.

Obwohl meine Bearbeitung sicherlich nicht kurz ist, fehlt noch so viel. Ich habe viele Punkte vernachlässigt oder liegen gelassen, weil es einfach den Rahmen sprengt.

„Der Verdacht“ ist zurecht Schullektüre. Es ist ein Buch, was aufmerken lässt. Dürrenmatt erhebt nicht den Zeigefinger, sondern stellt die Fakten dar. Der Leser positioniert sich selbst. Es ist fast unmöglich, die Geschichte zu lesen, ohne sie zu bewerten.

Ein Buch, das man lesen muss!

Diogenes Verlag

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag, der mir nicht nur die Werkausgabe der Prosawerke als Rezensionsexemplare zur Verfügung stellte, sondern noch weitere Werke, wie die Biographien von Peter Rüedi und Ulrich Weber, sowie Charlotte Kerrs Film über Friedrich Dürrenmatt überließ, und ich jederzeit Informationen nachfragen konnte. Vor allem Susanne Bühler war mir eine große Hilfe, so dass ich mich in den „Kosmos Dürrenmatt“ einarbeiten konnte, und die Facebook Seite „Ich lese Dürrenmatt“ und die dazugehörige Gruppe „Wir lesen Dürrenmatt“ gegründet habe.

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