Mit Friedrich Dürrenmatt durchs Studium

Eine Biographie Erster Teil „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber (Rezension)

Ich freute mich sehr auf „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber. Dürrenmatt begleitete mich durchs Studium. Abgründige Parabeln, spannende Kriminalgeschichten, immer die Fragen von Recht, Moral und Wissen im Fokus, ohne sie wirklich befriedigend zu beantworten.

Nicht nur in Germanistik mit Werken wie „Der Auftrag – oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“, oder ganz klassisch „Der Besuch der Alten Dame“, sondern auch in Philosophie mit „Der Minotaurus“ und überhaupt den Bereich „Labyrinth“. Seine Hingabe zu Kierkegaard, Kant und zum Höhlengleichnis (Politeia, Platon) sind nur ein kleiner Teil seiner philosophischer Gedanken, die immer wieder in seine Werke einfließen und deren Verständnis leichter wird, wenn man die Gedanken als Grundlage nimmt. Kurz und gut es ist mir eine Freude, diese Biographie rezensieren zu dürfen.

Der Artikel zu dieser Biografie wird von mir zweigeteilt in

  • Dürrenmatts Leben bis 1973
  • Die Neuerfindung seines Werke und „Das zweite Leben“ 1983-1990.

Friedrich Dürrenmatt ist eben „ein ganz Großer“, deswegen verdient die großartige Biographie von Ulrich Weber auch ein intensives Betrachten.

Zur Ausgabe „Friedrich Dürrenmatt“

Ulrich Weber zeigt in 700 Seiten nicht nur die Stationen von Dürrenmatts Leben auf, sondern auch, was während dieser Zeit, sein Werk oder seine Ansichten geprägt haben und das daraus resultierende künstlerische Schaffen. In fast 40 Bilddokumenten, (Fotografien, Zeichnungen und Bildern) wird das Schaffen und Leben des Künstlers, dessen 100. Geburtstag am 5.1.2021 ist, lebendig.

Friedrich Dürrenmatt wird nicht nur als Dramatiker, der unterschiedliche Formen kombinierte und auf der Bühne seines vom schwarzen Humor geprägten Welttheaters gezeigt, sondern auch als schonungslos scharfer Satiriker, philosophischer und politischer Denker, der keiner Mode unterlag geachtet. Er inszenierte literarische Bilder für naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Trotz seiner aufklärerischen Grundeinstellung, stand er der „Erkenntnis“ skeptisch gegenüber.

Bei der Frage nach der Erkennbarkeit der Welt, also von Vorstellung und Außenwelt, kommt wieder das Höhlengleichnis zum Einsatz. Dürrenmatt sieht die existentielle Frage nach der Freiheit, als Möglichkeit das Gefängnis der Höhle zu verlassen.

Er folgt hier der Kant’schen Erkenntniskritik, auch weil sie Physik und Mathematik nicht ausklammert und die strikte Trennung von Wissen und Glauben fordert. Fragen nach dem „Ding an sich“ können nicht beantwortet werden.

„Kant mauerte den Ausgang des Labyrinths zu, es gibt nur den ›Sprung über die Mauer‹, den Glauben, das Paradox Kierkegaards. (In dieser Hinsicht schließt die Glaubensdialektik, der religiöse Existentialismus Kierkegaards, ebenso unmittelbar an Kant an wie die modernen logisch-mathematischen Erkenntnistheorien.)“

Aber Ulrich Weber lässt auch den visionären Zeichner und Maler, mit eigenen Schreckensvisionen zu Wort kommen. Darüber war mir bislang wenig bekannt.

„Diese Biographie erzählt nicht, wie es war, sondern gezwungenermaßen, wie es gewesen sein mag – es ist eine Erzählung unter vielen möglichen, sie wäre konsequent ‚durchwegs im Konditional‘ zu erzählen, […]“

Ulrich Weber "Friedrich Dürrenmatt"
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Zum Autor Ulrich Weber

Der 1961 in Bern geborene Literaturwissenschaftler ist Kurator des Dürrenmatt- Nachlasses im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern und hat an verschiedenen Schweizer Universitäten Lehraufträge wahrgenommen.

Ulrich Weber ist auch Mitherausgeber des 2020 bei Metzler erschienen Dürrenmatt Handbuchs.

In „Du – Die Zeitschrift der Kultur“, Ausgabe 862, ist ein interessanter Artikel „Play it again“ von Ulrich Weber, der seine Verbundenheit mit Dürrenmatt erahnen lässt.

Friedrich Dürrenmatt und die Stationen seines Lebens

Ulrich Weber lässt den Leser an Friedrich Dürrenmatts Leben teilhaben. Seiner Kindheit in der Pfarrersfamilie im Emmental. Seine Jugend erlebt der Gymnasiast in der Stadt Bern, während in der Ferne der Krieg und Hitler wüten. Er stellt sich die Frage, welche Richtung sein Leben nehmen wird. Malerei oder Schrifstellerei?

Dürrenmatt studiert in Bern Philosophie

Im Philosophiestudium in Bern erkennt Dürrenmatt, das „Denken“ als sein Werkzeug. Er beschäftigt sich mit Platon, Kant, Kierkegaard, Aristoteles, Nietzsche und Schopenhauer. Das Höhlengleichnis wird er noch oftmals in sein Werk einbauen. (Gefängnis-Metapher in der Rede für Václav Havel, „Die Stadt“, „Winterkrieg in Tibet, u.a.).

Dürrenmatt wollte über „Kierkegaard und das Tragische“ promovieren. Der Schriftsteller sah seine Komödienkonzeption durch Kierkegaard bestätigt. Er brach das Studium ab. Ulrich Weber nennt das: „[…] einen existentiellen Sprung im Sinne Kierkegaards vollzog, in dem er 1946 das Philosophiestudium abbrach […]“

„Ohne Kierkegaard bin ich als Schriftsteller nicht zu verstehen.“

Glück und Not der mageren Jahre (1946-1955)

Ulrich Weber schildert anschaulich Dürrenmatts Anfänge als Dramatiker. Vom Theaterskandal zum Höhepunkt: dem Meisterstück „Der Besuch der alten Dame“. Immer wieder wird die Schuldfrage ein wichtiger Aspekt seiner Werke sein. Das Bekanntwerden der Nazigräuel und die „opportunistische Nachkriegshaltung der Schweiz“ prägen sein politisches Bewusstsein. Daraus entsteht 1952 „Der Verdacht“.

1952 zog die Familie Dürrenmatt in Haus in Neuchâtel. Dürrenmatt schrieb als Dramatiker immer mit dem zukünftigen Bühnenbild im Blick. Ihn verband mit dem Bühnenbildner und bekennenden Kommunisten Teo Otto eine innige Freundschaft.

Hier geht es zu Ergebnissen aus der Facebook Lesegruppe „Wir lesen Dürrenmatt“, die mit Hilfe dieser Biografie betrachtet wurden.

Friedrich Dürrenmatt und Berthold Brecht

Während sich die persönlichen Gespräche mit Brecht mehr um Zigarren drehte, studierte Dürrenmatt intensiv Brechts Theatertheorien, allerdings lehnte er es ab, Weltanschauen und Ideologien auf der Bühne zu zeigen. Er zog es vor, den Leser durch eigenes Denken dazu zu bewegen, die Gesellschaft zu verändern.

Friedrich Dürrenmatt und Johann Sebastian Bach

Dürrenmatt hatte mehrere hundert Schallplatten. Charlotte Kerr nannte seine Lieblingskomponisten später die drei großen B’s: Bach, Beethoven und Brahms.

Dürrenmatt war fasziniert von Bachs Komposition und wandte sie auf das eigene Schreiben an. Nach eigenen Angaben war „Wohltemperierte Klavier“ die kompositionelle Grundlage für „Der Auftrag oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ in 23 Kapitel-Sätzen.

Dürrenmatts Hörspiele

Friedrich Dürrenmatt hat in den Jahren 1951-1956 sieben Hörspiele geschrieben. In der Mediathek des NDR können „Die Panne“, „Der Prozess um des Esels Schatten“. HR2 bringt am So. 03.01.21, 22:00 Uhr „Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen“, „Der Richter und sein Henker“ SRF. Weitere Hörspiele kannst du unter dem Punkt Kostenlose Hörspiele abrufen.

Friedrich Dürrenmatt und Diogenes

Dürrenmatt entschied sich 1951 für den Arche Verlag und blieb diesem 27 Jahre treu, obwohl Deutsche Verleger (Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Gottfried Bermann-Fischer, Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld) ihn umwarben.

In den späten 70er Jahren war es um Dürrenmatt ruhig geworden. „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ sind inzwischen Schullektüre im deutschsprachigen Raum. Dürrenmatts Prosa hatte sich entwickelt, war aber vor allem auch durch sein „hartnäckiges und prononciertes Bekenntnis zu Israel, ins Abseits des Mainstream geraten“.

Er schrieb an seinem Alterswerk „Stoffe“, zeichnete, litt unter Lottis Gesundheitszustand und seine eigene Gesundheit machte ihm auch zu schaffen.

Daniel Keel und Dürrenmatt waren schon seit den späten 60er-Jahren per Du. Nach einem Bildband und kleineren Vorworten, kam die Ausstellung Dürrenmatts in Keels Galerie in Zürich und ein imposanter Bildband wurde zu seinem BildWerk veröffentlicht. Ulrich Weber spricht von einem „Brautgeschenk Keels an Dürrenmatt“.

Dürrenmatt äußert sich zu Bild- und literarischen Werken: »Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.«

Manuel Gasser der Kunstkritiker und vormalige Herausgeber der Kulturzeitschrift „Du“ schrieb den ersten großen Essay zu Dürrenmatts Bildwerk. Dazu werde ich gezielt in dem Artikel über die Kulturzeitschrift „Du“, der als nächster Teil meines Dürrenmatt Projektes vorgesehen ist, näher eingehen.

Schifferli und der Arche Verlag waren, weder den Anforderungen der Zeit noch Dürrenmatts Entwicklung gewachsen. Als die Gerüchte aufkamen, dass die Arche an den deutschen S. Fischer Verlag unter Monika Schoeller verkauft werden sollte, rief Dürrenmatt Daniel Keel an und fragte: „Wotsch du mi?“

Daniel Keel, der gelernte Buchmacher, veröffentliche mit seinem Diogenes Verlag 1981 169 neue Titel von Friedrich Dürrenmatt. Schifferli wehrte sich erfolglos gegen den Verlagswechsel. Sehr interessant in der Biographie nachzulesen.

In der zuvor schon erwähnten Ausgabe „DU“, ist ein Foto abgebildet, das den heutigen Verleger (Diogenes) Philipp Keel als 10-Jährigen mit Friedrich Dürrenmatt, wenige Monate vor seinem Tod zeigt.

Friedrich Dürrenmatt - Ulrich Weber - Biographie

Fazit „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber

Dürrenmatt ist für mich einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller. Ulrich Weber ist der Kurator seines Nachlasses und hat mir Dürrenmatt noch näher gebracht. Dass Dürrenmatt ein aussagekräftiger Maler war, habe ich jetzt erst erkannt. Die Biografie liest sich leicht wie ein Roman und nimmt den Leser mit in philosophische Ausführungen.

Die Rezension ist relativ umfangreich geworden, obwohl ich nur einen Bruchteil dessen wiedergebe, was Ulrich Weber präsentiert. Aus diesem Grund teile ich diesen Artikel. Freut euch auf das zweite Leben Friedrich Dürrenmatts.

Zum 2. Teil der Rezension


Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Ulrich Weber

Hardcover Leinen
752 Seiten
erschienen am 23. September 2020

978-3-257-07100-9
€ (D) 28.00 / sFr 37.00* / € (A) 28.80
* unverb. Preisempfehlung

Weitere Links

Projekt Friedrich Dürrenmatt auf Schreibblogg

Ulrich Weber bei Diogenes

Friedrich Dürrenmatt bei Diogenes

Centre Dürrenmatt in Neuchâtel

https://www.duerrenmatt.net/

Kostenlose Hörspiele

Hörspiel „Die Panne“ NDR

Hörspiel „Der Prozess um des Esels Schatten“ NDR

Hörspiel „Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen“

Hörspiel „Der Richter und sein Henker“

Hörspiel „Achterloo“

Hörspiel „Der Verdacht“

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Fühlst ihr euch auch im Labyrinth gefangen?

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