Rezension: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. von Ulrich Weber

Mit Friedrich Dürrenmatt durchs Studium

Rezension: Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber

Ich freute mich sehr auf „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber. Dürrenmatt begleitete mich durchs Studium. Abgründige Parabeln, spannende Kriminalgeschichten, immer die Fragen von Recht, Moral und Wissen im Fokus, ohne sie wirklich befriedigend zu beantworten.

Nicht nur in Germanistik mit Werken wie „Der Auftrag – oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“, oder ganz klassisch „Der Besuch der Alten Dame“, sondern auch in Philosophie mit „Der Minotaurus“ und überhaupt den Bereich „Labyrinth“. Seine Hingabe zu Kierkegaard, Kant und zum Höhlengleichnis (Politeia, Platon) sind nur ein kleiner Teil seiner philosophischer Gedanken, die immer wieder in seine Werke einfließen und deren Verständnis leichter wird, wenn man die Gedanken als Grundlage nimmt. Kurz und gut es ist mir eine Freude, diese Biographie rezensieren zu dürfen.

Der Artikel zu dieser Biografie wird von mir zweigeteilt in

  • Dürrenmatts Leben bis 1973
  • Die Neuerfindung seines Werke und „Das zweite Leben“ 1983-1990.

Friedrich Dürrenmatt ist eben „ein ganz Großer“, deswegen verdient die großartige Biographie von Ulrich Weber auch ein intensives Betrachten.

Zur Ausgabe „Friedrich Dürrenmatt“

Ulrich Weber zeigt in 700 Seiten nicht nur die Stationen von Dürrenmatts Leben auf, sondern auch, was während dieser Zeit, sein Werk oder seine Ansichten geprägt haben und das daraus resultierende künstlerische Schaffen. In fast 40 Bilddokumenten, (Fotografien, Zeichnungen und Bildern) wird das Schaffen und Leben des Künstlers, dessen 100. Geburtstag am 5.1.2021 ist, lebendig.

Friedrich Dürrenmatt wird nicht nur als Dramatiker, der unterschiedliche Formen kombinierte und auf der Bühne seines vom schwarzen Humor geprägten Welttheaters gezeigt, sondern auch als schonungslos scharfer Satiriker, philosophischer und politischer Denker, der keiner Mode unterlag geachtet. Er inszenierte literarische Bilder für naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Trotz seiner aufklärerischen Grundeinstellung, stand er der „Erkenntnis“ skeptisch gegenüber.

Bei der Frage nach der Erkennbarkeit der Welt, also von Vorstellung und Außenwelt, kommt wieder das Höhlengleichnis zum Einsatz. Dürrenmatt sieht die existentielle Frage nach der Freiheit, als Möglichkeit das Gefängnis der Höhle zu verlassen.

Er folgt hier der Kant’schen Erkenntniskritik, auch weil sie Physik und Mathematik nicht ausklammert und die strikte Trennung von Wissen und Glauben fordert. Fragen nach dem „Ding an sich“ können nicht beantwortet werden.

„Kant mauerte den Ausgang des Labyrinths zu, es gibt nur den ›Sprung über die Mauer‹, den Glauben, das Paradox Kierkegaards. (In dieser Hinsicht schließt die Glaubensdialektik, der religiöse Existentialismus Kierkegaards, ebenso unmittelbar an Kant an wie die modernen logisch-mathematischen Erkenntnistheorien.)“

Aber Ulrich Weber lässt auch den visionären Zeichner und Maler, mit eigenen Schreckensvisionen zu Wort kommen. Darüber war mir bislang wenig bekannt.

„Diese Biographie erzählt nicht, wie es war, sondern gezwungenermaßen, wie es gewesen sein mag – es ist eine Erzählung unter vielen möglichen, sie wäre konsequent ‚durchwegs im Konditional‘ zu erzählen, […]“

Rezension: Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber
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Zum Autor Ulrich Weber

Der 1961 in Bern geborene Literaturwissenschaftler ist Kurator des Dürrenmatt- Nachlasses im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern und hat an verschiedenen Schweizer Universitäten Lehraufträge wahrgenommen.

Ulrich Weber ist auch Mitherausgeber des 2020 bei Metzler erschienen Dürrenmatt Handbuchs.

In „Du – Die Zeitschrift der Kultur“, Ausgabe 862, ist ein interessanter Artikel „Play it again“ von Ulrich Weber, der seine Verbundenheit mit Dürrenmatt erahnen lässt.

Friedrich Dürrenmatt und die Stationen seines Lebens

Ulrich Weber lässt den Leser an Friedrich Dürrenmatts Leben teilhaben. Seiner Kindheit in der Pfarrersfamilie im Emmental. Seine Jugend erlebt der Gymnasiast in der Stadt Bern, während in der Ferne der Krieg und Hitler wüten. Er stellt sich die Frage, welche Richtung sein Leben nehmen wird. Malerei oder Schrifstellerei?

Dürrenmatt studiert in Bern Philosophie

Im Philosophiestudium in Bern erkennt Dürrenmatt, das „Denken“ als sein Werkzeug. Er beschäftigt sich mit Platon, Kant, Kierkegaard, Aristoteles, Nietzsche und Schopenhauer. Das Höhlengleichnis wird er noch oftmals in sein Werk einbauen. (Gefängnis-Metapher in der Rede für Václav Havel, „Die Stadt“, „Winterkrieg in Tibet, u.a.).

Dürrenmatt wollte über „Kierkegaard und das Tragische“ promovieren. Der Schriftsteller sah seine Komödienkonzeption durch Kierkegaard bestätigt. Er brach das Studium ab. Ulrich Weber nennt das: „[…] einen existentiellen Sprung im Sinne Kierkegaards vollzog, in dem er 1946 das Philosophiestudium abbrach […]“

„Ohne Kierkegaard bin ich als Schriftsteller nicht zu verstehen.“

Glück und Not der mageren Jahre (1946-1955)

Ulrich Weber schildert anschaulich Dürrenmatts Anfänge als Dramatiker. Vom Theaterskandal zum Höhepunkt: dem Meisterstück „Der Besuch der alten Dame“. Immer wieder wird die Schuldfrage ein wichtiger Aspekt seiner Werke sein. Das Bekanntwerden der Nazigräuel und die „opportunistische Nachkriegshaltung der Schweiz“ prägen sein politisches Bewusstsein. Daraus entsteht 1952 „Der Verdacht“.

1952 zog die Familie Dürrenmatt in Haus in Neuchâtel. Dürrenmatt schrieb als Dramatiker immer mit dem zukünftigen Bühnenbild im Blick. Ihn verband mit dem Bühnenbildner und bekennenden Kommunisten Teo Otto eine innige Freundschaft.

Hier geht es zu Ergebnissen aus der Facebook Lesegruppe „Wir lesen Dürrenmatt“, die mit Hilfe dieser Biografie betrachtet wurden.

Friedrich Dürrenmatt und Berthold Brecht

Während sich die persönlichen Gespräche mit Brecht mehr um Zigarren drehte, studierte Dürrenmatt intensiv Brechts Theatertheorien, allerdings lehnte er es ab, Weltanschauen und Ideologien auf der Bühne zu zeigen. Er zog es vor, den Leser durch eigenes Denken dazu zu bewegen, die Gesellschaft zu verändern.

Friedrich Dürrenmatt und Johann Sebastian Bach

Dürrenmatt hatte mehrere hundert Schallplatten. Charlotte Kerr nannte seine Lieblingskomponisten später die drei großen B’s: Bach, Beethoven und Brahms.

Dürrenmatt war fasziniert von Bachs Komposition und wandte sie auf das eigene Schreiben an. Nach eigenen Angaben war „Wohltemperierte Klavier“ die kompositionelle Grundlage für „Der Auftrag oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ in 23 Kapitel-Sätzen.

Dürrenmatts Hörspiele

Friedrich Dürrenmatt hat in den Jahren 1951-1956 sieben Hörspiele geschrieben. In der Mediathek des NDR können „Die Panne“, „Der Prozess um des Esels Schatten“. HR2 bringt am So. 03.01.21, 22:00 Uhr „Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen“, „Der Richter und sein Henker“ SRF. Weitere Hörspiele kannst du unter dem Punkt Kostenlose Hörspiele abrufen.

Friedrich Dürrenmatt und Diogenes

Dürrenmatt entschied sich 1951 für den Arche Verlag und blieb diesem 27 Jahre treu, obwohl Deutsche Verleger (Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Gottfried Bermann-Fischer, Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld) ihn umwarben.

In den späten 70er Jahren war es um Dürrenmatt ruhig geworden. „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ sind inzwischen Schullektüre im deutschsprachigen Raum. Dürrenmatts Prosa hatte sich entwickelt, war aber vor allem auch durch sein „hartnäckiges und prononciertes Bekenntnis zu Israel, ins Abseits des Mainstream geraten“.

Er schrieb an seinem Alterswerk „Stoffe“, zeichnete, litt unter Lottis Gesundheitszustand und seine eigene Gesundheit machte ihm auch zu schaffen.

Daniel Keel und Dürrenmatt waren schon seit den späten 60er-Jahren per Du. Nach einem Bildband und kleineren Vorworten, kam die Ausstellung Dürrenmatts in Keels Galerie in Zürich und ein imposanter Bildband wurde zu seinem BildWerk veröffentlicht. Ulrich Weber spricht von einem „Brautgeschenk Keels an Dürrenmatt“.

Dürrenmatt äußert sich zu Bild- und literarischen Werken: »Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.«

Manuel Gasser der Kunstkritiker und vormalige Herausgeber der Kulturzeitschrift „Du“ schrieb den ersten großen Essay zu Dürrenmatts Bildwerk. Dazu werde ich gezielt in dem Artikel über die Kulturzeitschrift „Du“, der als nächster Teil meines Dürrenmatt Projektes vorgesehen ist, näher eingehen.

Schifferli und der Arche Verlag waren, weder den Anforderungen der Zeit noch Dürrenmatts Entwicklung gewachsen. Als die Gerüchte aufkamen, dass die Arche an den deutschen S. Fischer Verlag unter Monika Schoeller verkauft werden sollte, rief Dürrenmatt Daniel Keel an und fragte: „Wotsch du mi?“

Daniel Keel, der gelernte Buchmacher, veröffentliche mit seinem Diogenes Verlag 1981 169 neue Titel von Friedrich Dürrenmatt. Schifferli wehrte sich erfolglos gegen den Verlagswechsel. Sehr interessant in der Biographie nachzulesen.

In der zuvor schon erwähnten Ausgabe „DU“, ist ein Foto abgebildet, das den heutigen Verleger (Diogenes) Philipp Keel als 10-Jährigen mit Friedrich Dürrenmatt, wenige Monate vor seinem Tod zeigt.

Friedrich Dürrenmatt - Ulrich Weber - Biographie

Vom Dramatiker zum Denker – Rezension: Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber

Nachdem ich bisher, Kindheit, Jugend, die ersten Jahren in Bern, Kleine Ausflüge in seine Auslegung von Kant, Kierkegaard und Höhlengleichnis gezeigt habe, möchte ich im zweiten Teil die Neuerfindung seines Werks und sein zweites Leben anzeigen.

Den ersten Teil der Biografie kann man auch ausführlich bei Peter Rüedi in „Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen“ nachlesen, das aber völlig anders aufgebaut ist. Auf das Werk, das im gleichen Verlag erschien, werde ich in einem eigenen Artikel eingehen. Beide Biographien wurden von Anna von Planta lektoriert, die schon Dürrenmatts Lektorin war. Wahrscheinlich ist Frau von Planta die größte Kennerin von Dürrenmatts Werk.

Es ist schwierig bei einer Biografie eines so werksintensiven Künstlers, wie Dürrenmatt es war, nur einzelne Aspekte herauszuzeichnen und herauszustellen. Ulrich Weber gelingt es, Dürrenmatt aus unterschiedlichen Perspektiven vorzustellen. Der Höhepunkt und mir bislang eher unbekannt, ist das Spätwerk, die Neubearbeitung der „Stoffe“, das erst mit seinem Tod den Abschluss fand, wurde aus dem Nachlass heraus gesichtet und bearbeitet.

Auch die Nähe zum Verlag wird gezeigt. Daniel Keel und sein Diogenes Verlag waren Dürrenmatt sehr nah, waren Freunde.

Die Neuerfindung des Werks – Rezension: Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber

Nachdem „Der Mitmacher“ 1973 im Zürcher Schauspielhaus durchfiel, fiel auch Dürrenmatt auf sich selbst zurück. „Wie konnte es dazu kommen, was steckte dahinter?“

Zwischen Mai und Mitte September 1973 beschäftigte sich Dürrenmatt wieder intensiv mit den philosophischen Werken von Sören Kierkegaard. Wie ich schon im ersten Teil erwähnte, sagte er selbst: „Ohne Kierkegaard bin ich als Schriftsteller nicht zu verstehen.“

Er wollte über „Kierkegaard und das Tragische“ promovieren, „vollzog aber stattdessen selbst einen existentiellen Sprung im Sinne Kierkegaards, indem er sein Philosophiestudium abbrach“. Alleine an dieser Formulierung kann der Leser erkennen, wie interessant und teilweise auch amüsant Ulrich Weber über Dürrenmatt erzählt. Der Leser kommt Dürrenmatt sehr nah.

An dieser Stelle sollte vielleicht erwähnt werden, dass er seine Lieblingsphilosophen nicht unbedingt so interpretierte, wie es vielleicht an Universitäten gelehrt wird. Ich stelle mir das eher so vor, als ob ein Musiker einen bekannten Hit, neu covered und in einer neuen Präsentation vorführt. Seine Adaptionen waren eher geistige Aneignungen.

1977 benennt Dürrenmatt die wichtigsten Werke für seine geistige Orientierung:

  • „Die Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant
  • „Philosophie des Als-Ob“ von Hans Vaihinger
  • „Philosophie der Naturwissenschaften“ von Arthur Eddington
  • „Denken in Begriffen“ von Alexander Wittenberg
  • „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper
  • „Unwissenschaftliche Nachschrift“ von Sören Kierkegaard
  • „Römerbrief“ von Karl Barth

Er selbst fühlte sich in der Figur des Sokrates sehr wohl. Alles in Frage stellen. Die Menschen ein wenig provozieren und als Narr oder Dilettant auftreten.

Zur Philosophie kam jetzt auch die moderne Physik, die ihn faszinierte, hinzu. „Er findet die moderne Form der Philosophie ‚bei Einstein und Heisenberg und nicht bei Heidegger'“. Er traf sich fast wöchentlich mit dem Physiker Marc Eichelberg.

Mit dieser Lektüre im Hinterkopf bearbeitete Dürrenmatt wieder und wieder das eigene Werk. Die Textgenetische Edition der „Stoffe“ in fünf Bänden im Schuber verbunden mit einer erweiterten Online-Version wird im, April 2021 von Ulrich Weber und Rudolf Probst aus dem Nachlass herausgegeben. Mit einem einleitenden Essay von Daniel Kehlmann.

Dürrenmatt entwickelte das Konzept der Eigenwelten. Dürrenmatt entwickelte sich vom Dramatiker zum Denker.

Ulrich Weber beschreibt auch die schwierige Freundschaft zwischen Max Frisch und Dürrenmatt. Auf diese Freundschaft werde ich im Rahmen von „Ich lese Dürrenmatt“ gesondert darauf eingehen und den Briefwechsel der Freunde betrachten. Rüedi, Peter: Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt. Briefwechsel. Diogenes. Zürich 1998.

In der Biografie werden die einzelnen Werke und deren Entstehungsprozess aufgezeigt. Darauf gehe ich später bei der Besprechung des Prosawerks und vielleicht auch noch der Dramen näher darauf ein und werde in diesem Rahmen wieder auf Ulrich Webers Biografie zugreifen.

Die große Leere – Rezension: Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber

Als Lotti 1982 stirbt, fällt Dürrenmatt in eine Leere. In einer Filmproduktion nennt er es ein Vakuum. Er setzt Lottis Urne, ohne Feierlichkeiten oder Grabstein im eigenen Garten bei.

Ohne seine Haushälterin Beatrice Liechti oder seine Sekretärin Walburg Grafstein hätte Dürrenmatt seinen Alltag nicht bewältigen können. Freunde wie Veit Wyler, der Molekularbiologe Hans Noll, Heinz Ludwig Arnold und weitere sorgten sich um ihn. Der Kontakt zu seinem Sohn Pierre wurde stärker und er besuchte regelmäßig Lottis Schwester Vreni.

Das zweite Leben – Biographie Friedrich Dürrenmatt

Dürrenmatt verbringt viel Zeit mit Maximilian Schell, der ihm auch Charlotte Kerr vorstellt. Charlotte Kerr wird nach kurzer Zeit seine zweite Frau. Das Alleine-leben war für Dürrenmatt wohl eher keine Option. Lotti war für ihn immer der erste Ansprechpartner gewesen. Nur zum Unterschied zu Lotti, war Charlotte eine Frau, die selbst künstlerische Projekte verfolgte. Wie heißt es so schön, hinter einem großen Mann, steckt auch eine große Frau. Bei Lotti war Dürrenmatt sicherlich das unumstrittene Alphamännchen. Bei Charlotte war das Verhältnis schwieriger. Wie man aus der Biographie und den Filmen herausflüstern hört, war sie doch eher herrisch und hielt Dürrenmatt von seinen Freunden, bzw. seine Freunde von ihm fern.

Das Nashorn und die Tigerin – Biographie Friedrich Dürrenmatt

„Das Nashorn schreibt der Tigerin / Ich habe nichts als
dich im Sinn / denn ich denke vorne / über meinem
Nasenhorne / unter meiner Stirn / liegt das dich liebende
Gehirn / Hinten mit dem Schwanz da / Schreib ich meine
Prosa / Tunk das Schwänzchen ins Tintenfass / dichte dies
und reime das/ […]“

Maximilian Schell schenkte dem Paar ein grünes Plüschnashorn und einen Plüschtiger und sagte: »Das seid Ihr«. Die beiden übernahmen das als eigene Mythologie und behielten es bis zu seinem Tode bei.

Charlotte war 57, wirkte aber viel jünger als der behäbige Dürrenmatt. Sie war u. a. Schauspielerin, Journalistin und Filmemacherin. Sie hatte ihre eigene Wohnung in München, die sie auch während der Ehe behielt. Sie war in der Münchner Schickeria zuhause. Sie veränderte das Haus und letztendlich natürlich Dürrenmatts gewohntes Leben.

Charlotte spornte Dürrenmatt zu neuen literarischen Höhenflügen an. Es war sicherlich keine einfache Beziehung.

Charlotte Kerr schrieb ihre Erinnerungen in „Die Frau im roten Mantel“ nieder.

Kritik – Biographie Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber

Die Biographie „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber liest sich fast wie ein Roman. Der Autor lässt Dürrenmatt als Protagonist einer tragischen Komödie auftreten, der mit ungeheuerlichen Auftritten nicht nur die Theaterwelt, sondern auch die Schweiz verstört. In dialektischer Form erklärt er bei einer Rede zu Ehre Vaclav Havels, warum jeder Schweizer gleichzeitig ein Gefangener, aber durch Einführung der allgemeinen Wärterpflicht, gleichzeitig sein eigener Wärter und deswegen frei ist. Und weil der Schweizer frei ist, macht er Geschäfte mit der ganzen Welt. (Hintergrund Apartheid und Handelsbeziehungen mit Südafrika).

Ulrich Weber hat mich gefesselt und in mir die Idee für das Projekt „Ich lese Dürrenmatt“ keimen lassen. Ich werde in den nächsten Monaten bei der Besprechung des Prosawerks noch mehrfach auf die Biografie zu sprechen kommen. Ich werde auf Schreibblogg und auf der Facebookseite „Ich lese Dürrenmatt“ die Werke besprechen und diskutieren. Wer mitlesen möchte, ist herzlich eingeladen!

Vernachlässigt wurden die Prosawerke und die Dramen, die ich gerne in den nächsten Monaten mit zeitlicher Einordnung besprechen möchte. Folgende Punkt werden in eigenen Beiträgen behandelt:

  • Dürrenmatts Freundschaft mit Max Frisch
  • Dürrenmatt und die Verlagsgeschichte von Diogenes. Im Rahmen der Recherche zum Projekt, sah ich den Film „Diogenes Portrait of an Publishing House by Rosemarie Pfluger, der mir freundlicher Weise vom Verlag zur Verfügung gestellt wurde.
  • Der Nachlass und das Schweizerische Literaturarchiv
  • „Die Frau im roten Mantel“ von Charlotte Kerr
  • „Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen“ von Peter Rüedi.
  • Prosawerk Dürrenmatt
  • Die dramatischen Werke

Ich habe in der vorliegenden Rezension nur wenige Punkte herausgestellt, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit haben, im Gegenteil: Sie sollen neugierig machen. Neugierig auf diese Schriftstellerbiografie über Dürrenmatts kreatives Leben.

Dürrenmatt ist für mich einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller. Ulrich Weber ist der Kurator seines Nachlasses und hat mir Dürrenmatt noch näher gebracht. Dass Dürrenmatt ein aussagekräftiger Maler war, habe ich jetzt erst erkannt. Die Biografie liest sich leicht wie ein Roman und nimmt den Leser mit in philosophische Ausführungen.

Die Rezension ist relativ umfangreich geworden, obwohl ich nur einen Bruchteil dessen wiedergebe, was Ulrich Weber präsentiert.


Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Ulrich Weber

Hardcover Leinen
752 Seiten
erschienen am 23. September 2020

978-3-257-07100-9
€ (D) 28.00 / sFr 37.00* / € (A) 28.80
* unverb. Preisempfehlung

Weitere Links

Projekt Friedrich Dürrenmatt auf Schreibblogg

Ulrich Weber bei Diogenes

Friedrich Dürrenmatt bei Diogenes

Centre Dürrenmatt in Neuchâtel

https://www.duerrenmatt.net/

Kostenlose Hörspiele

Hörspiel „Die Panne“ NDR

Hörspiel „Der Prozess um des Esels Schatten“ NDR

Hörspiel „Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen“

Hörspiel „Der Richter und sein Henker“

Hörspiel „Achterloo“

Hörspiel „Der Verdacht“

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Connie Ruoff

Mein Name ist Connie Ruoff, ich bin 1960 geboren, habe Philosophie und Germanistik studiert und bin jetzt in der "Schule des Schreibens" eingeschrieben. Ich wohne in Hessen. Ich lese alles, was ich finden kann.

12 Kommentare zu „Rezension: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. von Ulrich Weber“

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  10. Avatar of Mirella Pagnozzi
    Mirella Pagnozzi

    Liebe Conny,
    Deine Rezension macht Lust, nochmals mit Dürrenmatt anzufangen, da er bei mir aus der Schullektüre nicht hinausgewachsen ist. Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deinem Dürrenmatt- Leseprojekt.
    LG, Mira

    1. Avatar of Connie Ruoff

      Liebe Mira,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es lohnt sich auf jeden Fall mit Dürrenmatt anzufangen. Wir können gerne eines seine Prosawerke zusammen lesen und uns austauschen. Der Verdacht oder der Richter uns sein Henker, eignen sich hervorragend oder ein anderes Werk. Denk mal darüber nach.
      Liebe Grüße, pass gut auf dich auf und bleib gesund
      Connie

      1. Avatar of Mirella Pagnozzi
        Mirella Pagnozzi

        Das können wir gerne mal ins Auge fassen, aber nur nicht so bald, da ich selber noch mit meinen Leseprojekten zugange bin. Proust ist sehr langwierig, kostet mich viel Zeit, aber in der Zwichenzeit lese ich erstmal bei Dir mit. Übrigens habe ich in meinem Regal einige Bände von Dürrenmatt stehen. Alles nur die Klassiker, mehr aber nicht. Dir noch weiterhin viel Freude und bis bald, Mira

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