Ergebnisse der Facebook Gruppe Wir lesen Dürrenmatt

Ich habe Mit-Leser gefunden. Unsere Lesegruppe hat gerade mit der Werkausgabe (WA) 19 „Aus den Papieren eines Wärters“ begonnen. Es ist unheimlich bereichernd, sich mit anderen austauschen zu können. Wenn ich mit anderen spreche (schreibe), werden mir manche Sachverhalte viel klarer. Auch diesmal war es toll. Gerade dieser Band ist so düster,

Vielen Dank auch an @Petra Gleibs, die uns auf sprachwissenschaftliche Feinheiten aufmerksam machte. Folglich kann man sagen, dass meine hier angeführten Ergebnisse erst durch den gemeinsamen Austausch in der Lesegruppe entstanden sind.

Unsere erste Leseeinheit

Die neun Erzählungen sind in vier Einheiten gegliedert, die ich aus dem Dürrenmatt Handbuch übernommen habe.Ich habe zu den einzelnen Einheiten einen Post erstellt, den man kommentieren konnte. Ich habe das aus der Diogenes #backlistlesen LeseGruppe übernommen, weil es mir gut gefällt.

I. Weihnacht, Der Folterknecht; Die Wurst; Der Sohn;
II. Der Hund, Das Bild des Sisyphos, Der Theaterdirektor, Die Falle;
III. Die Stadt; Aus den Papieren eines Wärters.
IV. Der Tunnel, Pilatus.
Am Schluss jedes Buches machen wir eine Zoom Veranstaltung.

Wir haben eigentlich mit dem Buch angefangen, das sicherlich am schwersten zu verstehen ist, deswegen werde ich keine Beschreibung des Buches „Aus den Papieren eines Wärters“ schreiben, sondern einige der enthaltenen Texte intensiver mit Interpretationsansätzen und verwendeten Bildern besprechen. Wir fangen chronologisch mit „Weihnacht“ an und der nächste Artikel wird sich mit „Der Folterknecht“ beschäftigen

Wer noch mitlesen möchte, ist herzlich eingeladen.

Versuch einer Entschlüsselung des Textes: „Weihnacht“

Warum Dürrenmatts Texte heute noch aktuell sind:

Als ich mich Ende November 2020 dafür entschied, Friedrich Dürrenmatt zu meinem Projekt zu machen, überlegte ich, ob seine Werke heute überhaupt noch jemanden ansprechen? Ich brauchte nur wenige Minuten, um mir sicher zu sein, dass seine Botschaft auch heute noch ankommt. Auch wenn diese Botschaft nie für jeden genau die Gleiche ist.

Wie das möglich ist? Dürrenmatt arbeitet mit Gleichnissen. Er ist eben auch Maler und man erkennt, dass für ihn das Bild vor den Worten kommt, währenddessen die Botschaft von Worten, Bild und Leser gebildet wird. Warum?

Das Gleichnis

»Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.«

Ein Gleichnis ist eine poetische Veranschaulichung. Dabei unterscheidet man zwischen der Bild- und der Sachebene. Gleichnisse lassen mehrere Interpretationsansätze oder Deutungen zu.

Bei Ulrich Weber finden wir, einen Textauszug eines Briefes von Dürrenmatt an Charlotte Kerr.

[…] Fiktionen sind Gleichnisse[,] die griechischen Tragödien sind Menschengleichnisse und in gewisser Weise lässt sich nur durch Gleichnisse über den Menschen reden im Allgemeinen, das heisst, im Abstrakten. […]

Ich möchte noch den Artikel „Dürrenmatt und Varlin. Eine Künstlerfreundschaft“ empfehlen, den ich auf der Verlagsseite gefunden habe.

Biografische Daten „Weihnacht“

Ich benutze für meine Recherche, Analyse und Interpretationsansätze die Hilfe von Sekundärliteratur. Hauptsächlich beziehe ich mich auf die Biografien von Ulrich Weber und Peter Rüedi. An dieser Stelle, ein herzliches Dankeschön an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung der Rezensionsexemplare.

Das Angenehme an Ulrich Webers Biographie ist, dass sie sich wie ein Roman mit einem großartigen Protagonisten liest.

Dürrenmatt begann 1942 in Bern das Studium der Neueren Deutschen Literatur, Älteren Germanistik und Kunstgeschichte. Er musste in die Rekrutenschule einrücken. Ulrich Weber beschreibt sehr nett, wie Dürrenmatt wieder entlassen und in den militärischen Hilfsdienst versetzt wurde. Ein Jahr später wechselte Dürrenmatt an die Züricher Universität. Dort lernte er auch seine erste Freundin, die Malerin Christiane Zufferey, kennen. Zwischen Christiane und Dürrenmatts Schwester Verena entstand eine lebenslange Freundschaft.

»Er (F.D.) hat die Welt seines Vaters und damit die
Heute gültige Welt mit ihren christlichen Grundlagen
zerschlagen, und nun spielt er wie ein Kind, dessen
geliebtes Spielzeug aus Mutwillen in die Brüche
gegangen, mit den Fragmenten dieser Welt.«

Dürrenmatt entfernte sich immer weiter von seinem Elternhaus und schrieb an seine Mutter:

[…] warum kann ich nicht an einen Gott glauben wie Du! […]

Im Zürcher Schauspielhaus sah er auch die Uraufführung von Brechts «Der gute Mensch von Sezuan».
Kurz nachdem er bei einem Spaziergang zufällig auf den Gedenkstein Georg Büchners traf, schrieb er am 24. Dezember 1942 in einem Cafè das Stück «Weihnacht».

In dieser Zeit in Zürich, entstanden auch die Texte «Die Wurst», «Der Sohn» und «Der Folterknecht».

Dürrenmatt kehrte nach Bern zurück und studierte Philosophie: Kierkegaard, Kant etc. Eigentlich wollte Dürrenmatt über Kierkegaard und das Tragische promovieren. Dazu kam es nie.

Immer wieder bearbeitete er viele dieser ersten Texte neu.

Weihnacht

Zum Inhalt

Der anonymisierte Erzähler (ER) findet das erfrorene Christkind. Er hat Hunger isst den Heiligenschein, der wie altes Brot schmeckt und beißt ihm den Kopf ab. „Schmeckt wie alter Marzipan“.

Zur Sprache


Ich möchte hier Petra Gleibs zitieren:

Als Stilmittel nutzt Dürrenmatt Parataxen. Die Wirkung ist, alle Sätze/ Geschehnisse sind gleichwertig. Wir kennen das zum Beispiel aus der Bibel, oder auch in religiöse oder theologische Schriften kommt es oftmals vor.„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“

Zu den verwendeten Bildern

Das erfrorene Christkind: Christkind würde ich als Hinweis auf das Neue Testament sehen. Es geht um den gütigen, alles verzeihenden Gott. Dieser Gott ist tot.

Der Heiligenschein, der verzehrt wird: Als Hinweis auf die Eucharistie. Aber es gibt keine Vergebung der Sünden. Schmeckt wie altes Brot.

Vergleichbare Texte in der Literatur

„Woyzeck“ von Georg Büchner
„Großmutter: Kommt, ihr kleinen Krabben! – Es war einmal ein arm Kind und hatt‘ kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.
Wer den Woyzeck ganz lesen möchte, findet ihn hier im Gutenberg Projekt.

„Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ aus „Siebenkäs“ von Jean Paul
Den ganzen Text findest du bei der Beckett-Gesellschaft
Du kannst es dir auch auf YouTube anhören
Rezitation: Ernst Ginsberg als Download „Die Rede des toten Christus“ erschienen bei SWR Edition bei allen download Portalen erhältlich

Interpretationsansätze

Theodizee

Wir gehen von folgenden Annahmen aus:

1. Es gibt einen Gott.
2. Gott ist allmächtig. Demnach hat Gott die Macht, Leid zu verhindern.
3. Gott ist gütig. Es ist also Gottes Wunsch, Leid zu verhindern.
4. Es gibt auf der Welt Leid und Übel.

Man muss nicht lange nachdenken, um zu sehen, dass hier ein Widerspruch ist.

Gott ist tot
Sicherlich ein klarer Hinweis auf den frühen Existentialismus von Sartre und Camus. Was ist letztendlich das Fazit! Wenn es keinen Gott gibt, wird kein metaphysisches Konstrukt über uns richten. Wir sind alleine für unser Verhalten verantwortlich. Daraus folgt auch: Es wird keine Vergebung unserer Sünden geben. Wir müssen mit der Schuld leben.

Ich möchte noch ein Zitat von Dürrenmatt über Gott aus dem Film „Porträt eines Planeten“ von Charlotte Kerr.einfließen lassen.

«Der muss wahnsinnig Freude haben, Welten in die Luft zu jagen, der ist wie ein Kind, das mit Zinnsoldaten spielt, der hat einfach Freude am ganzen Spektakel

Nihilismus
Dürrenmatt bezeichnete sich selbst als «Nihilistischen Denker». Dazu werde ich näher bei „Der Folterknecht“ eingehen.

Dürrenmatts „Recycling“ der eigenen Texte und Motive

In den „Stoffen“ arbeitete Dürrenmatt an einem Text mit dem Arbeitstitel Weihnacht II, der letztendlich zu einem eigenständigen Roman wurde: „Durcheinandertal“. Wir werden also wieder auf diesen Text zu sprechen kommen, sobald wir bei der WA 27 sind. Mal sehen, ob wir „Weihnacht“ im „Durcheinandertal“ wiederfinden.

„Weihnacht“ ist nicht der einzige Text, an dem er immer wieder arbeitete. Mal sehen was wir in den „Stoffen“, die Mai/Juni aus dem Nachlass heraus veröffentlicht werden, wiederfinden und welche Entwicklung die Texte genommen haben.

Das Stoffe-Projekt: Textgenetische Edition in fünf Bänden im Schuber verbunden mit einer erweiterten Online-VersionAus dem Nachlass herausgegeben von Ulrich Weber und Rudolf Probst. Mit einem einleitenden Essay von Daniel Kehlmann

Schlussbemerkung zu „Weihnacht“

Die Lesegruppe, Wir lesen Dürrenmatt, ist eine bereichernde Möglichkeit, sich mit Texten auseinanderzusetzen. Es ist spannend, unterschiedliche Lesarten zu betrachten. Gerade die sprachliche Seite, hätte ich ohne Petra Gleibs in der Leserunde übersehen und das wäre schade gewesen, weil wie Petra sagte,

„…die sprachliche Ebene gehört dazu, denn die Bildebene fächert sich dadurch auf. Hier werden die Bilder prägnant, ich schreibe es mal locker, in Szene gesetzt.

Viele denken bei der Lektüre der frühen Prosa auch an Kafka und vor allem dürfen wir Dürrenmatts Begeisterung für Sören Kierkegaard nicht vergessen. Keine Angst auch darauf werde ich noch im Laufe der Lektüre des Prosawerks eingehen.

In diesem Sinne freue ich mich auf die nächste Leseeinheit!

Ein großes Dankeschön an unsere Lesegruppe Wir lesen Dürrenmatt. Und denkt daran:

Jede Frage zum Text bringt uns weiter. Gemeinsam können wir uns die Lösung erarbeiten. Jeder ist herzlich eingeladen.

In den nächsten Texten werde ich auf weitere Motive, wie Sünde, Schuld, Gnade und Religion eingehen, die ich heute vernachlässige. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ich keine wissenschaftliche Abhandlung schreibe, sondern einfach nur Verständnishilfen aufzeige, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit haben.

Weiter zu

Projekt Dürrenmatt
Rezension „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber
Überblick Prosawerk
Zur Facebook Lesegruppe
Zum „Dürrenmatt-Verlag“

Teile diesen Beitrag
Connie Ruoff Schreibblogg Literaturblog

Aktuelle Beiträge

Buchblogger-gegen-rechts
Scroll to Top