Ergebnisse der Facebook Gruppe Wir lesen Dürrenmatt

Allgemeines

Unsere kleine Lesegruppe besteht aus gerade mal wenig mehr, als einer Handvoll Leser. Aber wir lesen sehr genau! Hier sind die Ergebnisse zu „Der Folterknecht“ in: „Aus den Papieren eines Wärters (WA 19). Und wir diskutieren am Wochenende mit offenen Türen und freuen uns, wenn ihr mitdiskutieren möchtet, oder auch nur lauschen möchtet. Einfach unsere Gruppe „Wir lesen Dürrenmatt“ besuchen. Und ich komme zum nächsten Punkt, unserem Leseplan.

Eigentlich wollten wir im März mit WA 20 „Der Richter und sein Henker“ beginnen, aber das wird sich jetzt ca. um einen Monat verschieben, weil wir uns dazu entschieden haben, jede Erzählung ausführlich zu besprechen. Am Wochenende 13./14. Februar widmen wir uns den Texten: „Der Sohn“, „Die Wurst“ und „Der Theaterdirektor“.

„Der Folterknecht“ von Friedrich Dürrenmatt.
In: Aus den Papieren eines Wärters (WA 19)Rezension

Zu den biographischen Daten von den Texten „Weihnacht“ und „Der Folterknecht“

Zur Entstehung von „Der Folterknecht“

Ulrich Weber schreibt: „Der Folterknecht – von dem Dürrenmatt am 6. Januar 1943, also zwei Wochen nach der Niederschrift von Weihnacht, an seine Schwester schrieb: »Es ist sprachlich das beste, das ich geschrieben. Dies soll mir erst einer nachmachen.« Die Arbeiten zeugen von einem ausgeprägten, experimentierfreudigen Gestaltungswillen.“

zu „Der Folterknecht“ gibt es eine Begebenheit

Peter Rüedi erzählt in „Dürrenmatt – oder die Ahnung vom Ganzen“ eine „bizarre Episode“ zu „Der Folterknecht“. Ein Student aus guten Verhältnissen nahm sich das Leben. Als sein Vater den Nachlass ordnete, fand er mehrere literarische Texte, die wohl aus der Feder des Sohnes stammten. Eine Erzählung hatte den Vater so beeindruckt, dass er sie einem befreundeten Psychiater zeigt. Die Erzählung hinterließ einen so großen Eindruck, dass der Vater sie mit einem Vorwort des Psychiaters drucken ließ. In diesem Vorwort wies der Arzt nach, dass sich der Autor dieser Geschichte, zwangsläufig das Leben nehmen musste. In einem Lesezirkel las dieser Arzt die Novelle vor. Einer der Zuhörer glaubte den Text zu kennen und informierte Dürrenmatt, der daraufhin intervenierte. Der hochangesehene Psychiater warnte Dürrenmatt vor der Gefahr eines Suizides.

Zusammenfassung „Der Folterknecht“

Der Text ist sehr dicht und geradezu verklausuliert geschrieben. Bei so komplexen Texten, die übermächtig mit Bildern ausgestattet sind, skizziere ich einen Handlungsablauf. Der Text ist grausam und vielleicht sogar schrill. So wie der schon davor gesprochene Text Weihnacht handelt es sich um ein Prosagedicht. Während Weihnacht kurz und prägnant ist, besteht „Der Folterknecht“ aus mehreren Handlungsabschnitten.

Im Mittelpunkt steht der Pakt zweier Personen für einen Rollentausch mit einer festgesetzten Frist.

Klar! Wer denkt da nicht an einen Teufelspakt oder besser gleich an den FAUST Teil 1.

Wer will tauschen? Ein Folterknecht geht nach getaner Arbeit in eine Kneipe. Ein schöner, charismatischer Fremder, der anscheinend alles was ein Menschen auf Erden besitzen kann, sein Eigen nennt. Aber er ist nicht zufrieden, sondern er ist überdrüssig, hat Ekel.

Der Fremde will unbedingt mit dem Folterknecht die Rolle tauschen, weil in den Augen des Fremden die Rolle des Folterknechts, bzw. der Folterknecht selbst „der Anfang und das Ende sind„.

Der Folterknecht sehnt sich nach einem „schönen“ Leben und willigt ein.

Nun stehen sich beide in der Figur des anderen gegenüber. Es erinnert an eine Form von Dialektik, die sich aneinander abarbeitet und sich gegenüber stehend, fremd ist. Aus Eigenwahrnehmung wird Fremdwahrnehmung. „Eine unförmige Riesengestalt“.

Der frühere Folterknecht kann sein Leben nicht genießen. Ihm fehlt das Foltern. „Er kann sich nicht mehr halten, steht auf, geht hinaus, peitscht seine Hund tot.“

Vergeblich wartet er nach zwei Jahren an der ausgemachten Stelle. Der ehemalige Fremde, der nun der Folterknecht ist, kommt nicht, er will nicht zurücktauschen.

In einem Wutanfall foltert er seine Frau zu Tode. Es folgt der Gerichtsprozess. Er wird zum Tode durch Foltern verurteilt. In der Folterkammer erkennt er im Folterknecht den ehemaligen Fremden. Die Vollendung des Rollentausches, der ehemalige Henker wird zum Opfer.

Zum Stil „Der Folterknecht“

Die Erzählung ist aus der Sicht des ursprünglichen Folterknechts geschrieben. Wir haben wieder einen anonymisierten Erzähler. Weder er noch der Fremde tragen individuelle Züge. Sie haben keinen Eigennamen. Sie sind der Folterknecht und der Fremde. Geradezu distanziert werden Menschen dargestellt. Im Präsens werden Umgebung, Natur und Dinge personifiziert, um die apokalyptische Atmosphäre zu zeichnen, oder sich am sadistischen Geschehen zu beteiligen.

Dürrenmatt spiegelt Handlungen: Die Folterszene am Anfang mit der, in welcher der ehemalige Folterknecht zum Opfer wird.. Die Folterung des Opfers und die, der Frau. Der Tod der Hunde, der Frau und des Menschen.

Interpretationsansätze – Kritik

Klar ist, dass die Folterkammer die Welt ist, der Folterknecht Gott und der ursprüngliche Folterknecht ist der Mensch.

Während in „Weihnacht“ von einem entweder gleichgültigen oder nicht vorhandenen Gott, die Rede ist, haben wir hier einen Gott, der die Menschen quält.

Das jüngste Gericht

Die Gerichtsverhandlung am Schluss, ist sicherlich ein Hinweis auf das jüngste Gericht. Schon in Babylon und Ägypten, gab es ein endzeitliches Gericht. Im Judentum gibt es den göttlichen Richter. Das Neue Testament mahnt mit dem „nahenden Gericht über alle Lebenden und die Toten“. bis zur Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments. Im Evangelium des Matthäus trennt Jesus trennt hier als Richter die Gerechten von den Ungerechten Auch der Koran kennt den „Jüngsten Tag“. Es scheint zum Monotheismus zu gehören..

In Europa spielte diese Vorstellung des Jüngsten Gerichts eine groß Rolle, die Menschen glaubten, dass der Zeitpunkt des Jüngsten Gerichts konkret in kurzer Zeit eintreffen würde und ihr Verhalten darauf Einfluss habe, ob sie in den „Himmel kommen“.

Der Folterknecht ist der „Anfang und das Ende“

In der Offenbarung des Johannes bezeichnet sich Jesus Christus als  „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ 

Jesus am Kreuz

Ein Mensch schreit:
Warum bist du nicht gekommen?
Gott lacht:
Was soll ich wieder Mensch werden.
Ein Mensch stöhnt:
Was quälst du mich?
Gott lacht:
Ich brauche keinen Schatten.“

Ein Mensch stirbt“

Der Folterknecht

Der Schluss dieses Prosagedichts erinnert doch sehr an die Worte aus dem Markus-Evangelium

 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“(Markus 15, 33+34)

Sicherlich lässt sich, wenn man sich tiefer damit beschäftigt, durch „Ich brauche keinen Schatten“, überprüfen, inwieweit auch das Höhlengleichnis hier hervorblitzt.

Ich habe mich vor einigen Monaten, bei der Rezension des Romans „Den Himmel stürmen“ von Paolo Giordano (zur Rezension, mit dem Nihilismus auseinandergesetzt, Die Schrift von Max Stirner gilt als konsequenter Nihilismus, nimmt aber philosophiegeschichtlich keinen großen Raum ein. Damit beschäftigt haben sich: Marx, Nietzsche, Steiner, Jünger. und Reinhold Messmer.

Nihilismus Exkurs zu Max Stirner

„Der Einzige und sein Eigentum“ wurde 1844 veröffentlicht. Grundgedanken sind zwei Zitate von Goethe.

„Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.“

„Mir geht nichts über mich.“

Konkretisierend weist Stirner ausdrücklich darauf hin:

„Ich bin [nicht] Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer alles schaffe.“ (creatio ex nihilo)

Schlussbetrachtung „Der Folterknecht“

Die Interpretation des Textes möchte ich für dich, den Leser, offen lassen. Ich möchte hier nur aufzeigen, welche Motive und Bilder in Dürrenmatts Texten verborgen sind, manchmal fast ein wenig verschüttet. Wir unterscheiden uns in der Lesegruppe oftmals in der Interpretation oder vielleicht sollte man es eher ein Entschlüsseln des Textes nennen. Und genau das zeigt wieder, wieviel es bringt, sich bei der Lektüre eines Dürrenmatts Textes auszutauschen. Bei der Deutung eines Bildes gibt es keine eindeutige Lösung, die keine Alternativen zulässt. Bei Ulrich Weber finden wir dazu:

Er verstand seine Erzählungen und Theaterstücke als
gleichnishafte, vieldeutige Gegenwelten, die nur mittelbar
auf die zeitgenössische Wirklichkeit zu beziehen waren.

Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biografie. Diogenes Zürich 2020.

Dürrenmatt will den Leser nicht belehren. Dürrenmatt will, dass der Leser seine eigenen Schlüsse zieht.

Ich arbeite gerade unsere Gedanken zum folgenden Text „Das Bild des Sisyphos“, den wir letztes Wochenende besprochen haben.

Hinweis

An dieser Stelle möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass ich keine wissenschaftliche Abhandlung schreibe, sondern einfach nur Verständnishilfen aufzeige, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit haben. In den nächsten Texten werde ich auf weitere Motive, wie Sünde, Schuld, Gnade und Religion eingehen, die ich bisher vernachlässigt habe

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