Ergebnisse aus der Facebook Gruppe „Wir lesen Dürrenmatt“

Unsere Lesegruppe waren die letzten Wochen nur noch Petra Gleibs und ich. Und das letzte Mal war ich aus gesundheitlichen Gründen nicht so sehr bei der Sache. Mein herzlicher Dank an Petra Gleibs. Hier sind die Ergebnisse zu „Die Stadt“ und „Aus den Papieren eines Wärters (WA 19).

Die frühen Prosawerke waren nicht einfach zu lesen. Umso mehr freue ich mich auf den folgenden Titel:

Wir lesen aktuell „Der Richter und sein Henker“. Am Wochenende 10./11. April diskutieren wir das erste mal in der Gruppe.

Rezension „Die Stadt“ und „Aus den Papieren eines Wärters“

Versuch einer Interpretation

Weil es sich bei „Die Stadt“ und bei „Aus den Papieren eines Wärters“ um die Verarbeitung des gleichen Stoffes handelt, glaube ich, es ist vielleicht von Vorteil, eine Buchvorstellung beider Erzählungen zu schreiben und die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede aufzuzeigen, sofern das in diesem Rahmen möglich ist.

Zusammenfassung „Die Stadt“

„Aus den Papieren eines Wärters, herausgegeben von einem Hilfsbibliothekar der Stadtbibliothek, die den Anfang eines im großen Brande verloren gegangenen fünfzehnbändigen Werkes bildeten, das den Titel trug: ‚Versuch zu einem Grundriß‘.“

Die Stadt. S. 118.

Es soll der Versuch eines Grundrisses sein und hat eine fiktive Herausgeberfunktion.

Die Stadt ist ein Meer von Grauen. Außerhalb der Stadtinnern ist es schön. Die Menschen innerhalb der Stadt sind verschlossen und schirmen sich gegen alles ab. „Small Talk“ ist das höchste der Gefühle.

Die bösen Geschäfte geschehen hinter verschlossenen Türen. Es wird nicht darüber geredet.

Die Menschen leben ängstlich und kontaktlos im Verborgenen. Manche Menschen verschwinden. Keiner weiß warum oder wohin sie verschwinden.

Der Ich-Erzähler empfindet die Stadt als feindlich und übermächtig. Er schliesst sich einem Massen-Aufstand an, der von einem Irren gestoppt wird. Dieser ist wahrscheinlich die Urform des Minotaurus.

Nun dreht sich das Geschehen. Der Ich-Erzähler wechselt auf die Seite der Stadt und arbeitet als Wärter in einem Gefängnis. An seinem Platz – einer Nische sitzend, überkommen ihn Zweifel und er stellt sich die einzig wichtige Frage: Befinde ich mich als Wärter im unterirdischen Höhlensystem, als der ich einst angetreten bin? Oder bin ich selbst ein Gefangener?

Diese Frage bezieht sich nicht nur auf die Stadt sondern vor allem auf die Freiheit des Ich-Erzählers.

Diese Frage lässt sich durch „Denken“ nicht lösen. Um es herauszufinden müsste der unentschlossene Erzähler den Schritt durch die Tür – den Schritt ins Freie wagen.

Und genau diesen Schritt wagt er aus Angst vor der Wahrheit nicht. Dürrenmatt stellt es als endlosen Prozess ohne Hoffnung dar.

Aus dem Versuch, „Die Stadt“ im Vorfeld der Publikation umzuarbeiten, entstand „Aus den Papieren eines Wärters“, veröffentlicht erstmals in einem Programmheft 1954. Die Variante bleibt Fragment. An ein Ende geführt hat Dürrenmatt sie erst ein Vierteljahrhundert später unter dem Titel Der Winterkrieg in Tibet im ersten Band der Stoffe.“

Rüedi, Peter: Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen“. S.253.

Zusammenfassung „Aus den Papieren eines Wärters“

„Die hinterlassenen Papiere eines Wärters, herausgegeben vom einem Hilfsbibliothekar der Stadtbibliothek.“

Aus den Papieren eines Wärters. S. 150.

Obwohl ganze Passagen aus dem ersten Text einfach übernommen werden, gibt es auch einige Unterschiede: Der Ich-Erzähler erzählt viel über sich selbst. Er hat eine Vergangenheit als Soldat. Sein Leben hatte einen Sinn. Er beschützte sein Land und sorgte für Frieden. Nun ist sein Leben sinnlos. Er beschliesst, sich einen Sinn zu suchen und glaubt, diesen in der Ermordung eines Beamten gefunden zu haben.

„In dieser Welt hatte nur noch das Verbrechen einen Sinn.“

Aus den Papieren eines Wärters. S. 165.

Heißt das, es geht nicht mehr um den Glauben? Zumindest findet sich nichts mehr im Text.

„Ich bin ohne Glauben, und ich bin ein Wärter und als solcher sicher den geringsten Angestellten der Stadt zugeteilt, aber dennoch ihr Angestellter und damit (…) im Verhältnis zu dem, was ich war, als ich die Stadt betrat, unendlich mehr.“ (151).

Friedrich Dürrenmatts Welt- und Menschenbild

Friedrich Dürrenmatt sieht den Menschen so, wie es Platon in seinem Höhlengleichnis veranschaulicht. Der Mensch ist nur in der Lage, einen Schatten der Wirklichkeit zu erkennen. Zu mehr sind wir nicht fähig.

Der Mensch besitzt große Neugier, kann sie aber nicht befriedigen, sondern er steht einer labyrinthischen Welt gegenüber, deren Mechanismen und Strukturen er nicht versteht, obwohl er sie selbst geschaffen hat. Es gibt für den Menschen keine Möglichkeit die Wahrheit zu erkennen. Der Mensch ist sozusagen in die Welt geworfen, ohne in der Lage zu sein, sich darin zurechtzufinden. Man könnte es auch absurd nennen.

Oder: Das menschliche Erkenntnisvermögen ist nicht in der Lage das Erkenntnisinteresse zu befriedigen.

Ein oberflächlicher Vergleich beider Texte

Während der Glaube noch ein Thema in „Die Stadt“ war, gibt es in „Aus den Papieren eines Wärters“ keinen Glauben mehr. Der erste Text hört unvermittelt mittendrin auf. Es gibt keinen Sprung.

Die Botschaft, „Der Mensch fühlt sich in der vom ihm erschaffen Welt nicht zurecht“, ist, wie fast immer bei Dürrenmatt, in beiden Texten vorhanden. Der erste Text bricht, wie schon erwähnt mitten im Geschehen ab.

In der zweiten Bearbeitung des Stoffes, erkennt der Ich-Erzähler nicht nur, dass sein Leben jeglichen Sinn verloren hat, sondern er sucht sich einen neuen Sinn. Nur ein Mord kann seinem Leben einen Sinn stiften. Der Mord wird verhindert, weil ihm der Dienst als Wärter angeboten wird, die gleichzeitig Macht verheißt.

Letztendlich sieht er den Sinn darin, Macht auszuüben.

Zu den Biographischen Daten

Fazit/Kritik „Die Stadt“ und „Aus den Papieren eines Wärters“?

Ist die Erzählung eine Selbstdarstellung? In der Biografie von Ulrich Weber finden wir:

Der junge Dürrenmatt erlebte die beschauliche, behäbige und auch gravitätische Stadt mit ihren Arkaden als bedrohliches Labyrinth. Zehn Jahre nach dem Umzug nach Bern wird er Die Stadt in seiner gleichnamigen Erzählung zum übermächtigen Subjekt überhöhen: »Sie stand unverändert seit Menschengedenken und kein Haus verschwand oder kam hinzu. Die Gebäude waren unabänderlich und keiner Zeit unterworfen und die Gassen nicht winklig wie in den anderen alten Städten, sondern nach festen Plänen gerade und gleichgerichtet, so daß sie ins Unendliche zu führen schienen, doch gaben sie keine Freiheit, denn die niedrigen Lauben zwangen die Menschen, sich gebückt innerhalb der Häuser zu bewegen, der Stadt unsichtbar und ihr so erträglich.« (WA 1, S. 119f)

Weber, Ulrich: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biografie. S. 46.

Die Erzählung ist mit realen Begebenheiten, wie die ausgemalte Mansarde aus Dürrenmatts Zeit in Bern, gefüttert.

Dürrenmatt lässt seine Protagonisten den Kampf gegen die unzureichenden Erkenntnismöglichkeiten aufnehmen. Dabei erkennen sie das Verwirrende, eine Paradoxie zwischen Erkenntnisstreben und Erkenntnismöglichkeit, der Mensch erahnt die Grenzen seines Verstandes.

Ein wenig erinnert die Stadt an Kafka „Das Schloß“. Dürrenmatt verneinte, das Werk zum Zeitpunkt des Schreibens, gekannt zu haben.

Der Stoff wird von Friedrich Dürrenmatt als „Der Winterkrieg in Tibet“ weiterbearbeitet. Ich werde also wieder darauf zurückkommen.

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Connie Ruoff Schreibblogg Literaturblog

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