HOchzeitstag

Hochzeitstag

„Hochzeitstag“ von Connie Ruoff

Was ist? Mein Kopf tut weh. Dieser Krach!

Jemand hämmert dumpf und schmerzhaft direkt auf meinen Kopf. Dann kommt der Gong. Und das Hämmern beginnt von vorne. Gong! Mein Kopf vibriert, wird immer schneller. Dann ist es still. Und das Hämmern beginnt von vorne.

„Wenn Sie jetzt nicht sofort die Tür öffnen, hole ich den Zugleiter oder jemanden vom Sicherheitspersonal. Zeigen Sie mir Ihre Fahrkarte! Sie können sich nicht die ganze Strecke nach Kassel auf der Toilette einschließen.“

Woher kommen diese Töne? Worte? Toilette? Warum ist eine Toilette …? Autsch! Ich reibe meinen Ellenbogen, der direkt auf den Türrahmen geknallt war. Autsch! Warum bin ich hier auf einer Toilette? Vor meinen geistigen Augen läuft eine Diashow von Bildern ab. Ich schwanke im Sitzen wieder der Tür entgegen und rufe hilflos: „Hallo!“ zurück.

Von draußen ruft es erstaunt: „Hallo! Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

Welche Ordnung? Wo bin ich und was mach ich hier? Ich habe das Gefühl, der Boden unter mir bewegt sich. Krampfhaft versuche ich meine Augen, die immer wieder zufallen, offen zu halten. Ich drehe mich wieder und halte mich fest. Das hilft nicht. Was war das? Was habe ich beim Blinzeln gerade gesehen? Ich reiße meine Augenlider nach oben und starre in ein blindes Etwas, das wohl einen Spiegel darstellen soll. Ein verquollenes blutiges Gesicht starrt mir daraus entgegen. Meine Finger tasten mein Gesicht ab.
Autsch! Verflixt noch mal! Das tut schweineweh, wenn mein Finger nur leicht den verschorften und mit getrocknetem Blut verkrusteten Nasenrücken berührt. Das ist mein Gesicht. Ich versuche, mich zu erinnern, aber mein Kopf ist ein Raum, der mit tausend transparenten Duschvorhängen verbaut ist. Ich finde keine Orientierung.

Die Stimme ruft, nun wieder energischer: „Öffnen Sie sofort die Tür!“

Eingeschüchtert versuche ich, das Türschloss zu öffnen, und gleite dabei von der Toilettenschüssel herunter, in die inzwischen halboffene Türe.

Die Stimme fragt entrüstet: „Haben Sie schon am frühen Morgen getrunken?“

Ich räuspere mich und schlucke. Ich finde keine Antwort. Ich weiß nicht, ob ich getrunken habe. Geschweige denn, was ich getrunken habe.

Ein blitzender Druckschmerz erreicht mein Gehirn. „Scheiße!“

„Was erlauben Sie sich? In welchem Ton sprechen Sie denn mit mir?“

Ich konnte das Kichern nicht unterdrücken und schaue das erste mal wirklich, zu wem die Stimme gehört. Eine Frau im Alter meiner Mutter und mit mindestens der gleichen Autorität blitzt mich missbilligend an.

„Entschuldigen Sie, in bin hier im Zug aufgewacht und weiß weder, wie ich hierher komme, noch, warum ich so verletzt bin,“ antworte ich immer noch nicht wirklich wach.

„Ich gebe dem Fahrleiter Nachricht und wir rufen sofort die Polizei. Ein Überfall in meinem Zugbereich! Eine Katastrophe!“, ordnet die Kontrolleurin nun an.

Sie bringt mich in ein Abteil, das sie extra dafür aufgeschlossen hat. Sie holt einen Block aus ihrer Jackentasche und lässt sich von mir Name, Adresse und so weiter geben.

Sie fragt, ob ich mich ausweisen kann. Ich greife in die Manteltasche. Nein, kein Portemonnaie. Genervt schaue ich in den anderen zwei Innentaschen und meinen Hosentaschen nach. Mir wird heiß! Ich finde ein „Nichts“ von einem Portemonnaie und weiß, dass darin mein letztes Geld war. Mein Magen zieht sich zusammen. Mir wird übel.

Ja, ich bin Christian Tramal. Ich bin Arzt. Hausarzt. Allgemeinmediziner. Eben der Onkel Doktor. Ich habe das Gefühl in einer Watterolle zu stecken, die mir jegliches Gefühl nimmt. Ich schaue an mir runter und in dem Augenblick, als ich den dunkelblauen Anzug sehe, schaue ich auf meine Armband …

Genau! Auch die Armbanduhr wurde mir geklaut. Wie viel Uhr wird es jetzt wohl sein?

Vielleicht 11, 12 oder schon nachmittags? Es tut weh! Ja, nicht die Beule am Kopf. Nein! Ich weiß, ich sollte doch irgendwo sein! Es fährt mir schmerzvoll in den Magen. Ich schlucke angestrengt, um mich nicht zu übergeben.
Ich setze mich auf. Der Vorhang vor meinen Gedanken geht auf!

„Oh je! Bitte sagen Sie mir zuerst die Uhrzeit!“, begrüße ich den Beamten der Bahnpolizei, der gerade ins Abteil kommt.

„Es ist 11.30 Uhr. Sie wurden überfallen?“

„Ja, ich glaub schon. Aber wo sind wir jetzt? Ich muss sofort nach Wiesbaden. Ich heirate in einer Stunde!“

Ich erkläre dem Beamten, dass ich gestern Junggesellenabschied gefeiert habe und es ziemlich feucht und lustig zuging. Mein bester Freund und mein zukünftiger Schwager mussten mich irgendwo abgesetzt oder abgelegt haben. Daran kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Ich weiß nur, dass ich am Bahnhof auf einer Bank zu mir kam, als mich zwei jüngere Männer, die ein wenig bekifft wirkten, nach der Uhrzeit fragten. Und dann bekam ich einen Schlag ab. Mehr weiß ich nicht mehr, aber meine Frau wartet auf dem Standesamt – das ist wichtig.

„Wo kann ich telefonieren? Ich muss wenigstens meiner Frau sagen, wo ich bin.“

„Ihrer zukünftigen Frau?“

„Wenn sie mich noch will!“

„Das war die Geschichte, wie ich am Tage unserer Hochzeit überfallen, niedergeschlagen und beraubt wurde. Aber der Überfall hat mir dennoch Glück gebracht. Wir haben heute silberne Hochzeit.“

„Christian, du erzählst diese Geschichte immer an unserem Hochzeitstag und die Geschichte wird jedes Mal farbenfroher.“

„Immerhin kann nicht jeder behaupten, die Polizei hätte ihn zum Standesamt gefahren. Danke, Peter, dass du damals so viel Mitleid mit mir hattest und mich im Streifenwagen nach Wiesbaden gefahren hast! Somit feiern wir heute nicht nur Silberne Hochzeit, sonder auch den 25. Jahrestag unserer Freundschaft!“

„Auf die nächsten 25 Jahre!“, antwortet meine Frau und prostet uns zu.

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