Aus dem Sozialismus in die völkische Gemeinde

Kaspar lernt Sigrun, die Enkelin seiner verstorbenen Frau kennen und versucht, ihr Vertrauen zu gewinnen – eine Beziehung aufzubauen. Das ist nicht einfach, weil das Mädchen in einem rechts-radikal geprägtem Umfeld aufwächst.

Mit dem Roman Die Enkelin greift Bernhard Schlink ein aktuell brisantes Thema auf, das er schon in „20. Juli Ein Zeitstück« im Focus hatte. Wie kann man ein Kind ohne Schaden aus diesem Umfeld holen und für Demokratie begeistern?

Inhalt/Zusammenfassung »Die Enkelin«

Bernhard Schlinks Ich-Erzähler nimmt die Leser*innen mit auf den Nachhauseweg. Er durch schlendert den Park und genießt die Vegetation, die Pflanzen, den Park. Er öffnet die Türe, beseitigt wie immer die Spuren seiner Frau, die den Kampf gegen den Alkohol verloren hat. Es ist fast immer der gleiche Ablauf, der je nach der Menge des konsumierten Alkohols variierte.

Und doch ist es heute anders. Der gewohnte Alltag wird sich nicht mehr wiederholen. Er findet Birgit leblos in der Badewanne.

Nun erfahren wir, dass der Ich-Erzähler Kaspar heißt. Wir erfahren ihre gemeinsame Geschichte. Und wir hören die Geschichte seiner Frau, Birgits Geschichte, die Kaspar nur teilweise kennt. Bernhard Schlink gelingt es, sensibel zwischen den Perspektiven zu wechseln.

Kaspar trauert und setzt sich mit Birgits Tagebuch und allem, was sie niedergeschrieben hat, auseinander. Dabei erfährt er, dass sie schwanger war und das Kind weggeben hat. Kaspar beendet die Aufgabe, die Birgit nicht vollenden konnte oder wollte. Er sucht ihre Tochter und findet nicht nur die Tochter, die mit ihrem Mann in einer völkischen Gemeinde lebt, sondern auch die Enkeltochter Sigrun.

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Worum geht es in »Die Enkelin«

Bernhard Schlink verknüpft die Zeit nach dem Mauerbau mit der Gegenwart. Es geht um Entscheidungen, die getroffen wurden. Was wäre gewesen, wenn sich eine der Figuren anders entschieden oder verhalten hätte?

Es geht um Birgit, die ihr Kind hergegeben hat. Unter welchem Druck war Birgit? Warum hatte sie es nie erzählt?

»Wer wäre ich geworden, wenn ich geblieben wäre? Wenn ich Kaspar nicht getroffen, wenn ich mich nicht in ihn verliebt, wenn ich mich nicht für ihn entschieden hätte? Wenn ich an Gehen gar nicht gedacht, wenn ich nur bleiben gekannt hätte?«

Schlink, Bernhard: Die Enkelin.

Es geht um die rechte Szene. Um Birgits Tochter, die im Sozialismus groß geworden ist. Erst in der völkischen Gemeinde hat sie Halt gefunden. Nun hat sie selbst eine Tochter.

Aber es geht auch um Vertrauen! Wie gut kennt man den Partner wirklich? Was schuldet man dem Partner, wenn er stirbt? Liebt man den Partner so sehr, dass man dessen Vorhaben weiter fort? Dass dieser Pfad zum eigenen Lebensweg wird?

Wie gelingt es, ein Kind, das in der rechten Szene aufgewachsen ist und deren Vorbilder verehrt, zu einem kritischen Umgang zu erziehen? Ein Kind, das mit den Autonomen (Beitrag Wikipedia) sympathisiert?

Und es geht vor allem um die deutsch-deutsche Geschichte! Ein Thema, das Bernhard Schlink immer wieder aufgreift.

Bernhard Schlinks Sprachstil ist leise, berührend. Er beherrscht das »Show it – don’t tell it«.

Das Hörbuch „Die Enkelin“


Hörbuch, 8 CD oder Hörbuchdownload , 9 Std. 35 Min., erschienen am 27. Oktober 2021

Den Hörbuch Download habe ich über iTunes geholt.

Das Schöne an diesem Hörbuch ist, dass Nina Petri und Hanns Zischler lesen. Man kann sich noch besser in die Perspektiven von Kaspar und Birgit einfühlen. Es ist ein Roman, der bei mir viel Emotionen hervorrief.

Fazit/Kritik »Die Enkelin«

Ich freue mich immer sehr, wenn ein neues Buch von Bernhard Schlink erscheint. Ich begann zu lesen und wurde geradezu in das Geschehen gezogen. Und je weiter ich las, desto schwerer fiel es mir. Die Geschichte berührte mich so sehr, dass es schmerzte.

Wie weit muss man sich verbiegen, damit man den Umgang mit der Enkeltochter wahrnehmen darf, ohne sich anzubiedern und sich selbst zu verleugnen? 

Ich bewundere Bernhard Schlink, wie vielschichtig er das Thema betrachtet. Er zeigt die Menschen aus dem rechten Milieu als Charaktere, die nicht nur negative Eigenschaften haben, sondern lässt erkennen, dass diese auch gleiche Dinge wie man selbst, mögen. Aber davon darf man sich nicht blenden lassen.

»Wie sollte es anders sein, dachte er, wie sollten Rechte nicht ebenso versonnen, verträumt und wehmütig sein können wie wir. Ihm fiel Generalgouverneur Hans Frank ein, der Schlächter von Polen, der auf der Burg in Krakau mit Gefühl Chopin gespielt, und Hitler, der seinen Hund geliebt hatte. Kaspar wollte sich nicht in der Liederseligkeit mit allen, die um das Feuer standen und sangen, eins fühlen.“

Schlink, Bernhard: Die Enkelin. S. 195.

Ja! Ich kann heute noch nicht verstehen, dass Menschen, die Hitler und den Nationalsozialismus verehren und behaupten, der Holocaust sei eine Lüge, Tiere lieben, Musik mögen und gute Eltern sein können.

Aber es ist wohl so! Und vor allem hat es damals Margot Friedländer das Leben gerettet. Wenn sie in Theresienstadt nicht im Mädchenorchester gespielt hätte, wäre sie letztes Jahr nicht 100 Jahre alt geworden. Frau Friedländer und die ebenso 100-Jährige Trude Simonsohn haben viel über ihre Erlebnisse in Konzentrationslägern berichtet. Trude Simonsohn ist gestorben. Es kam gerade in den Nachrichten (6.12.2022). Übrigens schrieb Hannah Arendt ein Essay über Konzentrationsläger:

Konzentrationsläger sind der Kern eines totalitären Systems. In diesen Lagern ist ein rechtsfreier Raum. Die Opfer werden entmenschlicht, sie werden als minderwertig eingestuft, ihnen werden sämtliche Rechte genommen. Die Opfer sind vogelfrei. Ihre Vernichtung erscheint rechtens. (Frei nach Hannah Arendt).

Rezension „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär

Der Nationalsozialismus ist Gedankengut, für welches mir jegliches Verständnis fehlt. Haben wir aus der Geschichte überhaupt nichts gelernt?

Das neue Buch von Bernhard Schlink, „Die Enkelin“ ist auf jeden Fall empfehlenswert. Aber es tut weh! Vor allem, weil der Autor mit schöner Sprache und gegensätzlichen Bildern die Emotionen fordert.

„Die Enkelin“ Bernhard Schlink

"Die Enkelin" Pressebild_die-enkelinDiogenes-Verlag_72dpi

Hardcover Leinen
368 Seiten
erschienen am 27. Oktober 2021

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Connie Ruoff

Mein Name ist Connie Ruoff, ich bin 1960 geboren, habe Philosophie und Germanistik studiert. Damit mir zu Hause nicht langweilig wird, studiere ich"Bloggen professionell gemacht" in der Fernakademie. Ich lese alles, was ich finden kann.

2 Kommentare zu „Die Enkelin Bernhard Schlink (Rezension)“

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