Abschiedsfarben Bernhard Schlink

„Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink

„Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink (Rezension)

„Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink ist ein Kurzgeschichtenband. Es sind Geschichten eines reifen Autors, der sich mit dem Alter und dem Abschied nehmen beschäftigt.

Bernhard Schlink Abschiedsfarben

Der Jurist und Autor Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren. 1995 erschien sein wohl bekanntester Roman „Der Vorleser“ (Rezension), den sicherlich die meisten Leser kennen und der heute als Erinnerungsliteratur Schullektüre ist. 2007/2008 wurde er von Stephen Daldry mit Kate Winslet, Ralph Fiennes und David Kross verfilmt.

Im Juli 2020 veröffentlichte Diogenes den Erzählband „Abschiedsfarben“ von Bernhard Schlink. Neun sehr dichte Erzählungen, vier davon möchte ich euch ein wenig näher vorstellen.

Als ich mir die Titel der Geschichten im Inhaltsverzeichnis anschaute, sprang mir sofort: „Daniel, my Brother“ ins Auge, deswegen möchte ich damit beginnen.

„Daniel, my brother“

Daniel my brother you are older than me

Do you still feel the pain of the scars that won’t heal?

Your eyes have died but you see more than I

Daniel you’re a star in the face of the sky

Elton John

Ich mag diesen Song von Elton John sehr. Ja, Bernhard Schlink bezieht sich tatsächlich auf diesen Song und stellt sich dabei die Frage:

Wie gehen wir mit Verlust um? Wie nimmt man Abschied von einem Bruder, einem Freund*in? Es ist nie leicht, einen Menschen zu verlieren, der einem nahe steht? Das ist eine Frage, die sich mit zunehmendem Alter immer mehr stellt. Natürlich liegt es daran, dass „Die Einschläge immer näher kommen“, wie es meine Oma so flott und zutreffend formulierte. Ich werde dieses Jahr 60 und kann das nur bestätigen. Auf einmal sind die Menschen, die im Bekanntenkreis sterben, im Durchschnitt gar nicht viel älter als man selbst.

Verändert sich unser Verhältnis zu einem Menschen, der gestorben ist? Was geschieht mit diesen ganzen unterschwelligen Spannungen und Gefühlen, die das Verhältnis zu dem verstorbenen Menschen geprägt hatten?

Ich glaube, aus dem Wissen heraus, dass keine aktive Interaktion mehr mit diesem Menschen stattfinden kann und alles bislang Ungesagte, ungesagt bleiben wird, gibt es eine „Schlussbetrachtung“, um Abschied zu nehmen, muss es einen letzten „Abschiedsblick“ geben, um trauern zu können.

Geliebte Tochter

„So oft wird aus etwas Richtigem etwas Falsches. Warum soll nicht ebenso aus etwas Falschem etwas Richtiges werden können?“

„Geliebte Tochter“. In: „Abschiedsfarben“, Bernhard Schlink. S. 150-

Eine Geschichte, die es in sich hat. Wenn man die einzelnen Vorkommnisse für sich betrachtet, gibt es ein Geschehen, das uns befremdlich anmutet, vielleicht sogar abstößt, zumindest aber als unpassend und unmoralisch, ja geradezu unethisch eingestuft werden könnte.

Aber das Ganze ist nun mal viel mehr, als die Summe seiner Teile. Es ist eine Geschichte bei der, zumindest meiner Meinung nach, alle Beteiligten einen ungewöhnlichen, aber irgendwie nahe liegenden und dennoch moralisch fragwürdigen, aber gelungenen Weg der Problemlösung gegangen. Das Ergebnis ist eine mehr als befriedende Lösung.

Diese Geschichte zeigt wieder einmal auf, dass es schwierig ist Sachlagen zu beurteilen, wenn einem nicht alle Informationen vorliegen. Es zeigt auch, dass jeder Fall eine Einzelfallprüfung braucht.

Hier wurden durch ungebührliches Verhalten viele Menschen glücklich.

Der Sommer auf der Insel

„Die Insel“, sagte sie, „die Insel“. Dann lächelte sie. „Erinnerst du dich an das graue Kleid mit dem kleinen runden Ausschnitt, den vielen Knöpfen und den langen Ärmels, das ich auf der Reise anhatte? Es hängt immer noch in meinem Schrank.“

„Der Sommer auf der Insel“. In: „Abschiedsfarben“, Bernhard Schlink. S. 170.

Diese Geschichte zeigt viel Intimität und ist gleichzeitig die Liebeserklärung eines Jungen an die Mutter. Wie gehen wir mit der Liebe und Sexualität um? Haben wir einen ungezwungen Umgang damit oder haben wir uns den konditionierenden Zwängen der Erziehung ergeben?

Wenn wir einige unserer Entscheidungen heute nochmals treffen müssten, würden manche sicherlich anders ausfallen. Aber damals mit dem damaligen Wissen war es vielleicht eine gute Entscheidung. Und unser heutiges Ich ist Teil der damaligen Entscheidung.

Ich sehe es an mir, dass ich jetzt Ende 50, viele getroffenen Entscheidungen überdenke, überhaupt reflektiere ich mein Verhalten gründlicher als noch vor zehn Jahren. Aber genau das gehört wohl zum alt oder älter werden dazu. Man möchte Ordnung und Ruhe in sein Leben bringen. Vor allem ungelöste Sachverhalte in eine befriedigende Lösung bringen. Wobei ich schon bei der nächsten und in der Rezension letzten Kurzgeschichte bin.

Künstliche Intelligenz

„Warum auch immer ich die Angst hatte – ich hatte sie und war erleichtert, sie nach seinem Tod nicht mehr haben zu müssen. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod und was Andreas auf Erden nicht erfahren hatte, konnte er auch nicht im Himmel oder in der Hölle erfahren. Unsere Freundschaft lebte weiter, und während sie vor seinem Tod in unseren Gedanken und bei unseren Treffen lebte, lebte sie nach seinem Tod nur noch in meinen Gedanken, da aber angstfrei.“

„Künstliche Intelligenz“. In: „Abschiedsfarben“, Bernhard Schlink. S. 11.

Manchmal kann man Geheimnisse nicht mehr lüften, weil der Andere nicht mehr da ist. Was macht das mit einem selbst? Was geschieht mit dem schlechten Gewissen, dass man in sich trägt? Das Geheimnis wird nicht enttarnt. Man kann dafür nicht bestraft oder angeklagt werden. Dennoch löst es sich nicht in Luft auf. Das Schlimmste ist sicherlich, dass der Andere es einem nicht mehr verzeihen kann. Ich muss also einen Weg finden, es mir selbst zu verzeihen.

In „Künstliche Intelligenz“ geht dieses Dilemma noch weiter. Was geschieht, wenn Freunde von dem Geheimnis erfahren? Werden die Freunde, die Erklärung oder Entschuldigung, die du dir zurecht gelegt hast verstehen oder nachvollziehen können? Werden die Freunde dir im Namen deines Schuldigers verzeihen?

Das Hörbuch „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink

Das Hörbuch wird von Bernhard Schlink selbst gesprochen und erscheint am 26. August 2020. Sobald ich die Erzählungen gehört habe, werde ich diesen Punkt nachtragen. Ich freue mich schon sehr, weil ich finde, wenn der Autor selbst liest, gibt er mehr vom Text preis.

Ab 26. November 2020 ist es im BookBeat Katalog enthalten. Inzwischen sind viele, der bei Diogenes erschienen Bücher, in BookBeat enthalten.

Cover „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink

Das Covermotiv ist ein Gemälde von Mary Jane Ansell, „Odalisque II“, 2004. Das Gemälde zeigt eine Frau in einem roten Nachthemd, Kleid oder Morgenmantel, die sich gerade anfängt auszuziehen.

Ich finde, das Cover bzw. das Gemälde passt hervorragend zu diesem Erzählband. Auch Bernhard Schlink zeigt für mein Gefühl, viel Privates, Intimes – „er zieht sich aus“.

Fazit „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink

Bernhard Schlink präsentiert uns neun intelligente Erzählungen in einem präzisen fast schon nüchternen Stil. Die Texte sind dicht. Es sind intime Texte, zumindest empfand ich das beim Lesen so. Es sind Erzählungen, die den Leser zum Teil aus der Komfortzone holen. Der Autor beobachtet und skizziert seine Protagonisten genau. Obwohl es sich um Erzählungen, die nur zwischen 20 und 44 Seiten umfassen, handelt, sind die Charaktere bis in die Tiefe entwickelt. Bernhard Schlink ist kein Mann der Schwarz-Weiß-Malerei. Seine Erzählungen erfassen zahlreiche Grautöne, komplexe Verwicklungen und unvorhergesehene Wendung.

Kurz und gut: „Abschiedsfarben“ ist ein empfehlenswertes Buch, das mit großer Achtsamkeit geschrieben wurde.

Besonders Leser in meinem Alter werden dieses Buch lieben. Ich fühlte mich verstanden.

Bibliografie „Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink

Bernhard Schlink Abschiedsfarben
„Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink
Hardcover Leinen
240 Seiten
erschienen am 22. Juli 2020
978-3-257-07137-5

Weitere Rezensionen und Links zum Buch

diogenesverlag · Bernhard Schlink liest aus ›Die Frau auf der Treppe‹

Rezension „Der Vorleser“

Rezension „Olga“

Der Autor bei Diogenes

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Bernhard Schlink im ZDF Mittagsmagazin

Perlentaucher – Das Kulturmagazin

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6 Kommentare zu „„Abschiedsfarben“ Bernhard Schlink“

  1. Hallo Connie,
    ich liebe Schlinks Bücher, bin aber keine Liebhaberin von Kurzgeschichten. Immer, wenn ich gerade drin bin, sind sie schon zu Ende. Doch scheinen die Geschichten lesenswert zu sein. Mal sehen, ob ich es lesen werde oder doch auf seinen nächsten Roman warte.
    Viele Grüße
    Silvia

    1. Liebe Silvia,
      es lohnt sich auf jeden Fall. Und die Kurzgeschichte sind so dicht geschrieben, dass man staunt, wie viel Geschehen in eine Kurzgeschichte passt.
      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ich wünsche dir noch einen schönen Leseabend; passt gut auf dich auf und bleib gesund.
      Liebe Grüße
      Connie

  2. Hallo Connie und sehr schöner Text!

    Ich weiß ja nicht, wie alt Du bist („Besonders Leser in meinem Alter werden dieses Buch lieben.“), aber ich denke, ich werde das Buch auch lieben.
    Danke für die Empfehlung!

    Liebe Grüße,
    Thomas.

    1. Lieber Thomas, vielen Dank für deinen Kommentar.
      Das war vielleicht nicht richtig formuliert, besser wäre gewesen,
      „Wenn man mehr als die Hälfte seines Lebens hinter sich hat, kann man sich vielleicht leichter in die Gedanken Herrn Schlinks einfühlen, weil der Focus vertrauter ist, als wenn man am Anfang oder in der Mitte des Lebens steht.“
      Aber du hast recht, auch wenn das nicht der Fall ist, ist es dennoch ein lesens- und liebenswertes Buch.
      Liebe Grüße und bleib gesund!
      Connie – 59 Jahre.

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