Wessen Pullover war das nur?

Wessen Pullover war das nur? Grün – wird wohl Kaschmir sein. Männerpulli oder gehört er einer Frau? Warum interessiert mich das eigentlich? Ich glaube nicht, dass es wirklich eine Rolle spielt, aber wer weiß das schon?

Der Mensch ist das, was er aus sich macht. Aber wie macht man denn etwas aus sich? Woraus soll ich mich denn selbst erschaffen? Über welche Möglichkeiten verfüge ich? Woher nehme ich das benötigte Material? Wie kreiert man seinen Lebensentwurf? Und wie lange gilt dieser Entwurf? Lässt er sich korrigieren? Muss ich immer nur nach dem Guten streben? Was ist gut? Gut für mich oder für die Allgemeinheit?

Schließen wir nicht alle einen Pakt mit dem Teufel? Die Frage ist doch wohl eher, ob das Verhältnis des eingesetzten Wertes mit dem erreichbaren Preis ausgewogen ist.


Ein Kind wird geboren, in einer Familie – keiner fragt es, ob es dort hin möchte. Es kommt eben einfach dort zur Welt und das Abenteuer beginnt – oder ist es gar der grauenvolle Anfang einer unheilsamen Odyssee? Schon an diesem Punkt könnte dieser kleine Mensch die Frage ich?stellen „Warum ich?“. Vielleicht tut er das sogar und kann sich als Erwachsener einfach gar nicht mehr daran erinnern. Auf eine eigentümliche Art und Weise wächst er aber heran – als Junge oder als Mädchen. An dieser Stelle wird er auch diesmal nicht gefragt, zumindest kann sich niemand, den ich kenne, daran erinnern, dass er sein Geschlecht hätte wählen dürfen. Dennoch ist es in der heutigen Zeit möglich, diese Festlegung zu korrigieren – wenngleich auch mit großem Aufwand. Wonach strebt aber dann dieses Kind? Nach Liebe? Nach Anerkennung? Nach Reichtum?

Ich strebte nach Anerkennung und Liebe. Aber ich musste leider erleben, dass Goethe viel Wahres schrieb. „Es irrt der Mensch solang er strebt.“ Es gab keine Liebe für das Kind aus dem mein Ich erwuchs. Das Kind konnte es aber nicht glauben. Es suchte weiter und weiter und wuchs weiter und weiter heran und wurde verletzt und pflegte die Wunden und versteckte sie. Auf der Suche nach Liebe vergaß das Kind, das mein Ich hervorbrachte und nun zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, dass ein Geist gebildet werden muss, um das Leben meistern zu können, vor allem um den Lebensentwurf auf eine sinnvolle Weise zu korrigieren und in eine befriedigende Richtung zu steuern.

Mein jugendliches Ich strebte fortan nach Liebe, Anerkennung und weiteren Äußerlichkeiten, Schönheit und Geld. Wer denkt schon an Vergänglichkeit? Wer weiß in diesem Lebensabschnitt etwas über bleibende Werte? Wer liest darüber? Vor allem welcher junge Mensch schreibt darüber? Wozu die Zeit mit derart öder Beschäftigung verbringen, wenn Du die Möglichkeit hast zu tanzen, zu lieben und deinen Körper in jeder Bewegung zu genießen.

Und dann geschieht das Unfassbare!

Die Welt um mich herum versank. Keine Hoffnung mehr. Nur Dunkelheit…………Trauer……………….Verzweiflung!
Wie ist das mit dem Kaschmirpullover? Wessen Pullover war das nur? Grün – wird wohl Kaschmir sein. Männerpulli oder gehört er einer Frau? Wen interessiert ein Kaschmirpullover? Mich damals nicht. (Und heute?)
Und die Welt dreht sich weiter. Jeden Morgen geht die Sonne auf und abends wieder unter. Die Bäckerei öffnet immer noch um 6.30 Uhr. Mittwochs und samstags Ziehung der Lottozahlen. Es kann doch nicht sein, dass sich nichts verändert hat…

In meinen Träumen laufe ich weit und schnell, ich tanze, ich wandere und nichts weist darauf hin, dass sich etwas verändert hat.
Und dennoch: Alles ist anders. Meine Welt ist nicht mehr die gleiche, die Welt, die mich betrifft, ist eine gänzlich andere geworden. Der französische Philosoph Jean Paul Sartre sagte: „Der Mensch ist das, wozu er sich macht.“ Was habe ich nur getan, um das aus mir zu machen? Mit gleichem Gedanken beschleicht mit allerdings die Frage: Ist meine Welt denn nun schlechter?

Der Nachrichtensprecher dringt langsam an mein Ohr. Wie viel Uhr ist es? Stimmt ja, der Timer lässt das Fernsehgerät um 9.00 Uhr anspringen. Es gelingt mir, inzwischen dem Sprecher gedanklich folgen zu können. Wahrscheinlich würde es die arbeitende Bevölkerung als Luxus bezeichnen, sich um diese Zeit wecken zu lassen. Wenn ich gestern Abend tanzen gegangen wäre, hätte ich bestimmt rote „High Heels“ getragen. Ich wäre verschwitzt, mit verrauchten Haare und verrauchten Kleidern und natürlich völlig müde und erschöpft in mein Bett gefallen. Und jetzt hätte ich Muskelkater und wäre immer noch müde.

Ich schlucke, wie jeden Tag meine Medikamente, die meine Haut, meine Haare, manchmal auch meine Stimmung verändern – aber sie könnten mir helfen.
Nach dem Knopfdruck zischt und rauscht meine Kaffeemaschine gemütlich vor sich hin. Wie einfach. Thor füllt abends den Wassertank und legt ein neues Kaffeepad in den Filter. Natürlich liegen auch die Portionsdöschen Kondensmilch und die Tasse bereit. Meine Aufgabe in dieser Angelegenheit beschränkt sichmorgens darin, die Kondensmilch in die Tasse zu füllen und zweimal einen Knopf zu drücken.

Frisch gebrühter Kaffee riecht für mich wie nach Hause kommen, zufrieden sein – dem Sinn des Lebens auf der Spur.
Was für ein Tag ist heute? Stimmt, Dienstag. Ist aber auch nicht so wichtig. Ich muss ja nicht zur Arbeit. Ich werde heute wieder zuhause arbeiten. Eine Verpflichtung, die keiner außer mir von mir erwartet. Warum erfülle ich dann diese Arbeit?

Andere Menschen streben eine berufliche Karriere an. In einer Welt lange vor dieser Zeit strebte ich diese auch an. Und nun? Was ist wirklich wichtig? Ich zweifle die möglichen Antworten auf diese Frage ständig an. Die wichtigen Fragen des Lebens erfüllen meinem Tagesablauf – das eigene Bewusstsein wird zur arbeitenden Philosophie, die sich selbst unerbittlich jederzeit in Frage stellt. Allerdings – ich werde damit wohl kaum Karriere machen, weswegen ich weiterhin mein Geld akribisch einteilen werde.

Mein Laptop liegt neben mir. Es ist mein ständiger treuer Begleiter. Es spielt mit mir. Es informiert mich. Es übermittelt mir Nachrichten. Aber das Wichtigste ist: Es hört mir jederzeit zu. Und ich habe viel zu sagen. Es ist wichtig viel zu sagen zu haben. Mein Laptop behält in Erinnerung, was ich ihm sage und wiederholt es mir jederzeit. Manchmal finde ich sogar in seinen Aufzeichnungen Antworten für Fragen, die mir heute auf der Seele liegen.
Das ist auch der Grund dafür, dass ich jetzt aufstehe, mich an meinen Arbeitsplatz setzte – natürlich immer in Begleitung meines Laptops – und meiner Welt begegne. Ich brauche die Kraft des Schreibens.

Und es gibt nur zwei Möglichkeiten dieser Welt zu begegnen: Du kannst Dich bewundern oder bemitleiden lassen – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Aber gleichwohl wie Du Dich entscheidest, musst Du auch hier die Konsequenzen tragen. Das heißt: Du kannst nicht jammern, wenn Du bewundert werden möchtest, die Außenwelt bewundert niemand, der jammert, sondern Du musst stark und auch ausgeglichen wirken. Und das Mitleid mag keine erfolgreichen Menschen, auf diesem Weg wirst Du diesbezüglich der Verlierer sein, dafür hast Du die Möglichkeit, in jeder Minute Dein Schicksal zu beklagen und darüber zu jammern. Hier gilt es herauszufinden, was persönlich die beste Lösung ist.

Wofür die Lösung? Warum so eine Entscheidung?

Um mit der Diagnose „Multiple Sklerose“ leben zu können.
Aber wie erkennt man sein eigenes Ich und trifft die richtige Entscheidung? Die Gedanken kommen und fliegen vorbei, es ist kaum möglich dieselbe in eine Ordnung zu bringen, um eine Struktur zu erkennen. Alles wirbelt durcheinander. Wolken kommen und verdunkeln das bisher Offenbar(t)e. Alles erscheint wie durch einen Nebel. Keine Gesetzmäßigkeiten gelten mehr – nur eine Grundverfassung des Chaos lässt sich erahnen. Ein komplexes Labyrinth hält Verstand und Seele gefangen. Die Krankheit erscheint bedrohlich wie der Minotaurus.

Gleichwohl ist das Verlangen nach Erkenntnis hoch. Die Gedanken, die noch vor einer Sekunde wichtig waren, finden keinen Platz mehr. Ihnen muss eine andere Daseinsform ermöglicht werden. Meine Hände berühren die Tastatur – eine Reihe von Buchstaben versammelt sich auf dem Bildschirm. Gebilde entstehen und werden wieder entfernt. Nichts darf mehr verloren gehen ohne, dass es geprüft wurde. Die Gedanken nehmen den Weg über die Finger und die Tastatur um auf dem Bildschirm zu erscheinen – ganz von alleine. Sie wollen sichtbar werden und als eine Flut von Erfahrungen gelten, die jederzeit befragt werden können. Vielleicht jagt sie der Minotaurus. Dem Minotaurus entronnen gestaltet sich eine Realität der Freiheit – die Freiheit des Denkens und Erschaffens.

Erschöpft halten meine Finger inne und die Augen versuchen, den Anfang des Geschaffenen zu orten. Mit Verstand, Seele und benötigten Sinnen wird den Strichen und Symbolen auf dem Bildschirm wieder Leben eingehaucht. Ich kann erahnen und vielleicht bruchstückhaft auch sehen, was meine Seele gefühlt hat. Ein Gefühl des Stolzes erfüllt mich, dem ich folge auf einem Weg der Hoffnung – im Gepäck ein Füllhorn mit Kraft. Die Gedanken wurden zu Teilen einer Brücke, eines Weges, gleichsam einer Treppe, die das Labyrinth verlässt, und zwar auf einem ihr innerlich gegebenen Weg, der durchdrungen von einer Selbstsicherheit ist, die mich erschauern lässt.

Wo ist die Verzweiflung geblieben? Deren Heimat war das chaotische Umherstreifen und der Kampf der Gedanke und der Gefühle und der daraus entstehenden lähmenden Leere.
Nun schmiegt sich Strich an Strich, höchstens noch bei der geistigen Wiederaufnahme durch den Geist, versuchen sich diese manchmal zu verkleiden und dennoch können sie diese einmal hergestellte Ordnung kaum verlassen. Dieses Bei- und Zueinanderstehen lässt keinen Platz für Verzweiflung mehr. Und dennoch bleibt die Angst!

Die Angst hat aber keine lähmende Kraft mehr – eher ist sie ein Begleiter. Sicherlich nicht gerade der beliebteste… Und nichtsdestoweniger beflügelt mich diese Angst. Ich muss ihr zeigen, dass ich ihr immer einen Schritt voraus bin und sie fliehe. Meine Phantasie ist schneller als die lähmende Kraft der Angst.
Diese Freiheit des Denkens und Erschaffens lässt mich tanzen gehen, wann immer mir der Sinn danach steht. Ich kann mich erschaffen. Ich kann die Welt erschaffen. Und ich kann rote „High Heels“ erschaffen. Beflügelt werden meine Sinne durch den Rausch der Kreativität. Ich fühle mich als / bin Prometheus.

Keiner kann mich bezwingen.

Mein unter der Behinderung leidender Körper wird durch den Geist überwunden und verbindet sich im Schreiben mit der Phantasie. Es ist ein Experiment, dessen Verlauf schon der Sieg ist – oder: „Der Weg ist das Ziel.“

Wessen Pullover war das nur? Grün – wird wohl Kaschmir sein. Männerpulli oder gehört er einer Frau? Warum interessiert mich das eigentlich? Ich glaube nicht, dass es wirklich eine Rolle spielt, aber ich werde in einer Geschichte eine Frau mit smaragdgrünen Augen den Kaschmirpullover tragen lassen.

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