Connie Ruoff

„Tristan“ von Connie Ruoff

Oder der letzte Einkauf

Eine klitzekleine Kurzgeschichte

Heute möchte ich euch keine Rezension anbieten, sondern eine kleine Kurzgeschichte von mir – Connie Ruoff.

Viel Spaß

„Tristan oder der letzte Einkauf“

„Ja, ich kaufe vielmehr ein als sonst. Wir haben ja auch jetzt zwei Mäuler mehr zu stopfen“, sagt die Frau vor mir zur Kassiererin.

Das kann dauern.

Sofort denke ich an Tristan. Tristan, der einen so bedeutenden Namen hat. Tristan, der immer hungrig ist. Tristan, der gierig verschlingt, was in seine Reichweite kommt. Tristan, der mich als Gefährtin auserkoren hat. Die Haare an meinem Unterarm stellen sich auf, weil ich seine Nähe zu spüren glaube. „Nimm dich zusammen“, sage ich mir. Er ist nicht hier.

Ich sehe ihn vor mir, wie er mich aus dunkelgrauen Augen beobachtet, die von dunklen langen Wimpern umrahmt sind. Augen, die rot werden, wenn er tötet. Die Schönheit seiner menschlichen Gestalt hat mich verführt. Wenn er sich verwandelt, ist er Terror und Schrecken. Sein hochgewachsener Körper nimmt groteske Formen an, überwuchert von olivgrünen Schuppen, die einen fauligen Geruch verbreiten. Aber nicht das ist das Grauenhafte. Sein schöner Mund mit den vollen Lippen wird zu einer Fratze mit Reißzähnen.

Ich liebe sein menschliches Wesen und verabscheue die Bestie in ihm, die täglich mehr von seiner menschlichen Seele verschlingt.

„Wir haben zwei Austauschschüler aus Australien zu Besuch“, plappert die Frau.

Ja, ich habe ein Monster. Es wohnt in meiner Wohnung. Das Monster, das immer wieder aus meinem Mann herausbricht und ihn in ein reißendes Reptil verwandelt. Ein Reptil, das tötet. Ein Reptil, das grausam seine Opfer hetzt und reißt.

Er wird nie mehr so sein, wie vor seiner ersten Wandlung.  Seine Seele hat die Unschuld verloren! Er hat getötet.

Zuerst wurde die Wandlung nur ausgelöst, wenn er sich oder unsere Familie oder Freunde bedroht sah.

Inzwischen kann ein Funke von Wut oder Ärger, die Bestie in ihm befreien.

Davor war er der Traum jeder Schwiegermutter. Er liebte mich und unser Leben. Heute frage ich mich, ob die Bedeutung von „U N S“ noch eine Rolle für ihn spielt.

Drei Monate nach dem Kennenlernen hatten wir geheiratet. Alle sagten: „Das geht nie gut“.

Der Pfarrer sagte: „In guten, wie in schlechten Tagen.“

Seit zehn Monaten sind sie da – die schlechten Tage. Immer öfter! Ich schlucke schwer!

Er hat im Keller ein Verlies gebaut, das ihn bislang nicht halten konnte. Er hinterlässt Chaos und verschwindet in die Kanalisation, um am anderen Ende der Stadt, am Straßenstrich, Menschen zu jagen. Genauer gesagt Männer!

Mein Magen krampft sich zusammen. Ich wickle mich enger in die grüne Strickjacke aus der kuscheligen Angorawolle, die ich selbst gestrickt habe, als mein Leben noch in Ordnung war.

Heute stricke ich nicht mehr, sondern höre an den Tagen der Bestie verzweifelt den Polizeifunk ab. 

„Ja hallo, Frau Reinhard, heute haben Sie aber lange warten müssen? Sind so viel Leute unterwegs!“, holt mich die Verkäuferin aus meinen Gedanken.. 

Ich bin an der Reihe.

„Hallo, Frau Segers, nein! Alles gut!“, beruhige ich die Kassiererin.

„Worüber schreiben Sie denn in ihrem neuen Roman?“

„Gerade habe ich über Tristan, den Gestaltwandler in meinem neuen Roman nachgedacht! Deswegen will ich jetzt wieder schnell an den Computer. Wenn ich es nicht aufschreibe, vergesse ich die Hälfte. Was bin ich Ihnen schuldig?“

Connie Ruoff Tristan

Weiter …

Die Kraft des Schreibens

Siri Hustvedt und Paul Auster

Bloggerei.de

2 Kommentare zu „„Tristan“ von Connie Ruoff“

  1. Pingback: Connie Ruoff | Die Kraft Des Schreibens | SCHREIBBLOGG 2020

  2. Pingback: Connies Magie | Texte Connie Ruoff | SCHREIBBLOGG 2020

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: