Turmschatten Peter Grantl

„Turmschatten“ Peter Grandl

„Turmschatten“ Peter Grandl (Rezension)

Zum Buch „Turmschschatten“ Peter Grandl

Anfang April 2020 schrieb mich Peter Grandl an, ob ich nicht Lust habe, seinen Debütroman „Turmschatten“ zu rezensieren. Nach Genuss der Leseprobe, in Anbetracht der aktuellen Lage in Deutschland und „gegen das Vergessen“, habe ich mir das Buch gekauft.

„Turmschatten“ ist keine einfache Lektüre. Ich musste mehrfach pausieren, weil ich den Druck der Gewalt und Hilflosigkeit körperlich spürte. „Turmschatten“ belegt den lateinischen Spruch „Homo homine lupus“ aus der Komödie  Asinaria (Eseleien) des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.). Der Mensch ist der Feind des Menschen.

Europa ist in der Gegenwart ein gewaltiges Stück nach rechts gewandert. Populismus, Selbstdarstellung und Fake News gehören zu unserem Alltag. Wie kann das sein? Haben wir alle aus der Geschichte nichts gelernt? Kann man der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ nichts entgegensetzen?

Zum Inhalt „Turmschatten“ Peter Grandl

Es soll eine Synagoge gebaut werden. Die „Rechten“ wollen das verhindern. Sie wollen dem Sponsor der Synagoge Angst machen und dringen in seine „Villa“ ein. Das Vorhaben gerät außer Kontrolle und die junge Haushälterin wird getötet.

Der Sponsor Ephraim Zamir entpuppt sich als gefährlicher Gegner, der den Tod der jungen Frau gnadenlos rächen will. Er nimmt die drei Neonazis gefangen und lässt im Internet über deren Hinrichtung abstimmen.

Peter Grandl zeigt dem Leser, wie manipulierbar wir Menschen sind. Vor allem hat es mir gezeigt, wie schwierig es ist, der Rechtsprechung zu vertrauen. Haben Menschen, die ihre Umwelt beleidigen, dominieren, erpressen und unterdrücken, nicht das Recht auf Gnade verloren? Warum werden Neonazis Rechte eingeräumt, die sie selbst ihrer Umwelt versagen?

Eben, weil wir zum Glück ein Rechtsstaat sind.

Peter Grandl lässt aus dem Opfer Ephraim Zamir einen Täter und aus den Tätern Opfer werden.

Am Geschehen beteiligt sind drei Neonazis, ein Jugendlicher, der unter deren Einfluss steht, eine Sozialarbeiterin, die Polizei, die Presse, ein Politiker der NPD und das abstimmende Publikum im Internet, das als Richter fungiert und den Scharfrichter Ephraim Zamir legitimiert.

Worum geht es?

Es geht um Selbstjustiz. Wie schnell wird aus mitfühlendem Publikum ein reißender Mob? Wie manipulierbar sind wir? Je nachdem, wie wir Sachverhalte präsentiert bekommen, bewerten wir sie.

Welche Verantwortung haben Journalisten bzw. Presse oder generell die Medien?

Peter Grandl beleuchtet in diesem Zusammenhang auch das Thema Todesstrafe. Darf einem anderen Menschen das Leben genommen werden? Wer hat das Recht dazu? Kann man das „Recht auf Leben“ verlieren?

Besonders interessant fand in den Aspekt der Rache. Gerade Israel hat mittels seines Geheimdienstes Mossad nach dem Zweiten Weltkrieg einige Nazis (der berühmteste ist vielleicht Adolf Eichmann) mit oder ohne Gerichtsverhandlung getötet, nach dem sie auf anderem Hoheitsgebiet, sprich in einem andere Staat festgenommen wurden. War das legal? Wer und vor allem wodurch wurde das legitimiert?

Selbst im Strafrecht unterscheiden wir mehrere Zielsetzungen. In Deutschland setzen wir auf Wiedereingliederung, während das amerikanische Strafrecht durch aus auch den Aspekt der Rache und Wiedergutmachung beinhaltet.

In mehreren „Endspielen“ entscheidet sich das Schicksal der Opfer und der Täter.

Schreibstil und Spannung in „Turmschatten“

Der Leser nimmt aus mehreren Perspektiven am Geschehen teil:

  • Ephramim Zamir als einer der Hauptpersonen, der den Ablauf über lange Zeit bestimmt.
  • Karl, ein Neonazi, der wenigstens ab und zu das eigene Verhalten reflektiert und kurz davor ist, sich zu öffnen.
  • Marie, die Bewährungshelferin von Karl, hätte es vielleicht verhindern können.
  • Seligmann, eine Stadträtin, die den Bau der Synagoge befürwortet.
  • Esther, die Haushälterin.
  • Thielen, der Parteivorsitzende der NPD
  • Steiner, einer der gefangenen Neonazis.

Das sind nur einige der Perspektiven. Peter Grandl versucht alle Seiten, auch die der Presse und der Ordnungskräfte, Sondereinsatzkommando, Polizei zu beleuchten, dabei gelingt ihm ein rundes Bild auf die Situation, zeigt aber gleichzeitig auch, welche Bedeutung jede kleinste Aktion einer der Beteiligten haben kann.

Fazit „Turmschatten“ Peter Grandl

Peter Grandl zeigt uns eine Seite des Menschen, die keiner von uns gerne sehen möchte. Er zeigt uns, wie böse Menschen sein können. Wir katastrophal es sich auswirken kann, wenn den Menschen Empathie weg konditioniert wird, oder wenn gar keine Empathie vorhanden ist.

Das Buch ist auf der einen Seite sehr spannend, auf der anderen Seite, waren mir die drei „Endspiele“ mindestens eines zu viel. Mir ging wirklich die Luft aus. Ich empfand es zwischendurch als sehr belastend. Auf keinen Fall etwas für empfindliche Geister. Da geht es schon richtig zur Sache und beinhaltet viel Gewalt.

Das Buch macht mich vielleicht aufgrund der weltpolitischen Lage und dem Erfolg des Populismus‘ so betroffen. Wir alle sind dafür verantwortlich, mit welchen Inhalten der Begriff „Mensch“ gefüllt wird. Auch stellte ich an mir selbst fest, dass es mir fast schon zuwider ist, Menschen Rechte zuzugestehen, die selbst diese Rechte mit Füßen treten. Dennoch ist es wichtig, dass wir diese Ebene nicht verlassen. Ansonsten handeln wir nicht besser als die Extremisten.

Selbstjustiz darf niemals geduldet werden!

Bibliografie

Turmschatten Peter Grantl
Turmschatten – Peter Grandl
Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: Das Neue Berlin; Auflage: 1 (28. Februar 2020)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3360013565
ISBN-13: 978-3360013569

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