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„Ich will den Drachen besiegen!“

„Machtmenschen“ von Torunn Siegler

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1. Klappentext

Der postfaktische Gesellschaftsroman deutet den Zeitgeist mit dem Bild einer NS-Diktatur im Jahr 2017. Torunn Siegler präsentiert in ihrem politischen Roman Machtmenschen eine perfekt inszenierte arische Urlaubsidylle im kolossalen Seebad auf Rügen. Zumindest wird dies den 20 000 Gästen suggeriert. Doch genießen sie den Aufenthalt wirklich? Welche Positionen nehmen die Heerscharen von Angestellten, Arbeitsmaiden und Ostarbeitern in diesem Gefüge ein? Und wie gedenkt Joseph Goebbels Tochter, die NSDAP-Führerin Hedwig, die Geschicke der Deutschen im Jahr 2017 zu lenken?

Der Blick auf fünf Einzelschicksale zeigt die Abgründe dieser Gesellschaft: nah, verstörend und unausweichlich. Die Nationalsozialisten beherrschen die Welt von heute mit allen Möglichkeiten der Informationstechnologie und Digitalisierung. Europa ist unter deutscher Führung vereint, nur der Endsieg gegen den letzten Gegner – Amerika – fehlt noch zum Weltfrieden. Den Deutschen geht es wirtschaftlich so gut wie nie zuvor, doch die politische Passivität kostet jeden einen Preis. Heidrun aus München will auf Rügen ihren Sohn besuchen.

Doch die Reise ist von Vorahnungen überschattet, die in einer Katastrophe enden. Nicht anders ergeht es Bernhard, ihrem Sohn und SS-Offizier, Waltraud, der Arbeitsmaid, und Bogdan, dem Ostarbeiter. Die Führerin Hedwig will in einer epochalen Rede einen strategischen Wechsel in der Politik der Nationalsozialisten ankündigen, wird dabei von den Ereignissen überrollt. Akribisch recherchiert, fundiert und bis ins Detail ausgearbeitet, wird der Leser tief in eine postfaktische Welt hineingezogen, die bekannt und doch befremdlich wirkt. Macht ist immer ambivalent: einerseits konstruktiv und unabdingbar, anderseits destruktiv, wenn sie in Gewalt umschlägt.

Die Folgen der Macht erleben diese Menschen tagtäglich am eigenen Leib. Macht bestimmt nicht nur das gesellschaftliche Miteinander und die Arbeitswelt, sondern auch das Private und das Familienleben. Wie Getriebene suchen die Menschen nach einem sicheren Ort. In Zeiten des staatlichen Machtmonopols und der Entwicklung hin zu globalen rechtspopulistischen Akteuren und Parteien stellt das spannende und brandaktuelle Buch die Haltung jedes Einzelnen in Frage.

 

2. Zum Inhalt

 

Eine beklemmende Vorstellung, dass es wirklich so gekommen wäre. Torunn Siegler beschreibt gelebten und praktizierten Nationalsozialismus im Jetzt und Hier. Beim Lesen empfand ich Wut, Grauen, Trauer und Hilflosigkeit darüber, dass es in unserer heutigen Zeit immer noch Menschen gibt, die Anhänger dieser Ideologie sind.

Die Vorstellung, ich müsste in unserer Zeit mit der Bedrohung leben, dass mich jemand abhört, ausspioniert und, wegen meiner Äußerungen, Gedanken oder Schriften, mein Leben bedroht, muss grausam und zutiefst beängstigend sein.

5/5 Punkten

 

3. Protagonisten

 

Ich nehme bei der Beschreibung der Protagonisten auf die Kapitel Bezug, die aus den jeweiligen Perspektiven geschrieben sind. Dadurch kommt der Leser ihnen sehr nah und man empfindet mit, was nicht immer einfach ist.

Die Führerin Hedwig, deren Name aus dem germanischen Hadu kommt und Schlacht oder Kampf bedeutet. Am meisten beeindruckt hat mich das letzte Kapitel „Kampf der Kreatur“, das aus ihrer Sicht geschrieben ist. Hedwig reflektiert ihr Leben, ihre Familie, ihre Rolle als Führerin und ihre Zweifel, die trotz ihrer Überzeugung, unterschwellig zu spüren sind.

Das erste Kapitel „Schönheit des Lebens“ ist aus der Sicht der Ehefrau und Mutter Heidrun geschrieben. Ihre Einstellung zu Partei und Programm ist zu Beginn unkritisch. Sie funktioniert und solange es ihrer Familie gut geht, verdrängt sie alle aufkommende Bedenken. Als ihr Sohn Bernhard sich ihr offenbart, lässt sie ihre unterdrückten Gefühle frei. Heidrun zerbricht an dem Wissen, dass ihr Sohn vom System bedroht ist.

Das zweite Kapitel „Triumph des Willens“ ist ein Psychogramm Bernhards. Er ist ein „contradicto in adjecto“ im ureigensten Sinne. Der Phänotypus eines Ariers gefüllt mit Wünschen und Bedürfnissen, die das Reich und seine Bewahrer nicht dulden, sondern als „entartet“ und verabscheuungswert brandmarken. Bis jetzt hat er zwar nicht ge- aber überlebt, durch seine Disziplin, seine Intelligenz und sein Aussehen. Das Kapitel fand ich trotz des bitteren Endes schön und sehr ergreifend. Eigentlich weiß man als Leser genau, worauf es hinausläuft, und paralysiert sieht man zu und leidet mit. Aber ich habe seine Reaktion verstanden und konnte sie auch nachvollziehen. Das Böse ist nur, dass er durch seine letzte Handlung seine Pflicht erfüllt hat, was den Beigeschmack noch mehr verbittert.
Eine sehr schöne Figur ist auch Raban, Bernhards loyaler. Freund 

Ein Kapitel, das mich viel Kraft kostete, war auch der „Segen des Glaubens“. Waltraud, eine Soldatin, deren Wunsch Offizierin zu werden, durch den fehlenden einwandfreien Ariernachweis geradezu unerreichbar ist. Man stellt ihr die Erfüllung des Wunsches in Aussicht, wenn sie an „Lebensborn“, einem Arierzuchtprogramm teilnimmt.

Bogdan ist sicherlich eine der ärmsten Kreaturen des Buches. Das Kapitel „Kraft der Schöpfung“ schildert das Leben bzw. Vegetieren der „Ostarbeiter“, was ein Euphemismus, eine Verharmlosung für Sklave ist.

5/5 Punkten

 

4. Sprachliche Gestaltung

 

Torunn Siegler hat mich begeistert. Dieses Buch ist ausgezeichnet recherchiert. Es ist empathisch und die Figuren kommen authentisch zu Geltung. Die Autorin hat manchen technischen Errungenschaften oder sonstigen neuen Programmen oder Dingen, einen anderen Namen mit nationalsozialistischer Konnotation gegeben und dabei den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Eine gelungene Namensfindung.

Es ist trotz des schweren Themas gut lesen. Die eigene Betroffenheit lässt einen oftmals innehalten und man braucht Augenblicke der Ruhe, um es verarbeiten zu können. Dennoch meine ich, einen kleinen Sieg gegenüber den Nationalsozialisten errungen zu haben, indem ich mich den Gefühlen gestellt habe.

5/5 Punkten

 

5. Cover und äußere Erscheinung

„Machtmenschen“ von Torunn Siegler hat 500 Seiten, einen festen roten Einband auf dem Autor und Titel in schwarzer Schrift gedruckt sind. Es ist am 24.05.2017 unter der ISBN 9783744817493 bei Books on Demand im Genre: Romane erschienen und ist für 14,99 € erhältlich (eBook 6,99 €). Der Schutzumschlag zeigt einen weiblichen Oberkörper, bekleidet mit einem blauen Bikinioberteil, das mit weißen Stacheldraht bedruckt ist und in der Mitte von einem goldenen Reichsadler zusammengehalten wird. „Macht“ ist in großen roten Lettern geschrieben und darunter, weitaus kleiner, „Menschen“ und noch kleiner der Untertitel „Von Führern und Verführten“ in schwarz. Es geht nur um Macht. Alles andere, hat sich darunter einzuordnen. Eine gelungene Metapher.

5/5 Punkten

 

6. Fazit

Das Ende des Buches ist unglaublich. Und dennoch erscheint es, so wie Hedwig in ihren Gedanken ausführt, die vernünftigste und naheliegende Entwicklung zu sein. Eine Bewegung, die so viel Leid über die Menschen gebracht hat, rühmt sich damit, den Frieden zu bringen.
Lest das Buch! Seid glücklich und dankbar in unserer Welt zu leben! Sicherlich gibt es viel zu bemängeln und zu ändern. Eine nationalsozialistische Gesinnung und die Unterdrückung Anderer, kann keine Alternative sein!
Nochmals: Lest das Buch! Es ist eine Bereicherung!

@Torunn Siegler.
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar! Die Leserunde bei lovelybooks war sehr bewegend und hat viel Spaß gemacht.

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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