Dritter Teil: „Hamlet oder die lange Nacht hat ein Ende“

2.3 Die Hamletproblematik

Die Seele vor dem Arzt und dem Philosophen. Schriften zur Psychoanalyse (28.11.1926)
„In der Familie waltet die Rivalität der Generationen, der Ödipuskomplex.“Die Hamletproblematik, die auf dem Oedipuskomplex basiert, lässt sich literaturwissenschaftlich historisch entwickeln. Wir unterscheiden 3 Stadien: Die Sage des König Oedipus von Sophokles, Shakespeares Hamlet und den Hamlet von Alfred Döblin. Die zugrunde liegenden Mechanismen sollen gezeigt werden, allerdings mit den darin enthaltenen Differenzen.

Warum diese Problematik auf den Leser oder Zuschauer so ergreifend wirkt, schildert von Matt: „Trifft nicht auf diese beiden Dramen“ (Hamlet und Ödipus) „nach Freuds eigener Deutung genau das zu, was er vom Fest sagt: ‘Freisetzung des sonst Verbotenen’? Jedes der zwei Stücke basiert auf der mehr oder weniger verhüllten Übertretung des Urverbotes, des Urgesetzes schlechthin: dass der Vater nicht um der Mutter willen totgeschlagen werden dürfe. Diese Übertretung wird für den Zuschauer auf der Bühne Anschauung, Gegenwart – auch wenn er von diesem seinem prähistorischen Wunsche nichts weiß. Was er bewusst erfährt, ist die unvergleichliche Faszination vor dem Stück, gerade diesem Stück, und das dringende Bedürfnis, es immer neu zu analysieren.“

2.3.1 Die Sage des König Oedipus von Sophokles

Hieraus entlieh der Oedipuskomplex seinen Namen. Der kleine Junge bzw. das kleine Mädchen entwickeln Gefühle für das gegengeschlechtliche Elternteil und begehren diesen für sich alleine. Sie empfinden den anderen Elternteil als Störfaktor und als Rivalen. Laut Freud erwächst hieraus der Wunsch, dass dieser Rivale tot sei, weil Kinder wissen, dass jemand, der tot ist, nicht mehr wieder kommt und immer „weg“ ist. Dieser Ödipuskomplex verschwindet unter normalen Umständen dann mit der Zeit, weil der geliebte Elternteil straft und dadurch seine Attraktivität verliert.

Freud kommentiert den Erfolg des Dramas von Ödipus: „Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unsrige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Hass und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon. König Oedipus, der seinen Vater Laïos erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit.“ Schon in diesem antiken Drama spricht Jokaste über diese versteckten Wünsche:

Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
sich zugesellt der Mutter; doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht,“
 [V. 981 ff.]

Peter von Matt hielt Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts eine Vorlesungsreihe über „Literaturwissenschaft und Psychoanalyse“ und sagte zu Freud und Ödipus: „Die ästhetische Wirkung des Ödipus-Dramas wird also von Freud begründet mit der These, dass der Zuschauer darin ansatzweise selber eine Analyse durchmache, ohne dass er sie als solche erkenne. Oder etwas genauer gesagt: wir werden nach der Meinung Freuds von der Stück konfrontiert mit Dingen, die, würden wir einer Analyse unterzogen, zuletzt als deren Resultat vor uns stünden“

2.3.2 Shakespeares Hamlet

Zwei Jahrtausende später schrieb Shakespeare seinen Hamlet. Während Sophokles noch die verdrängten Wünsche klar erkennen lässt, werden diese im Hamlet hinter Mauern des Schweigens versteckt. Das Kulturverständnis war inzwischen ein anderes. „Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der weit auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit.

Im Oedipus wird die zugrunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traum ans Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen.“

Natürlich stellt sich die Frage, warum nimmt das Drama diesen Verlauf? Es wäre ja auch ein anderer Verlauf denkbar: „warum geht Hamlet nicht einfach hin und schlägt den Onkel tot, der ihm den Vater ermordet hat und jetzt mit der Mutter schläft? Das wäre innerhalb des Stückes landesüblich und standesüblich und würde von jedermann mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.“ Auch Freud setzt hier ein, er sieht Hamlet nicht als generell handlungsunfähig, sondern an dieser „bestimmten“ Aufgabe. Hamlet versagt an dieser Aufgabe, weil er zum einen weiß, dass sein Onkel nur das vollbracht hat, was auch ein inniger Wunsch von ihm selbst war, und zum anderen er selbst aus diesem Grund keinesfalls besser als dieser sei und somit moralisch nicht berechtigt ihn zu strafen.

2.3.3 Der Hamlet von Alfred Döblin

Döblin regt den Leser an, dass er seinen Roman hinsichtlich der Hamletproblematik interpretiert, indem er den Titel „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ wählte. Gleichwohl er wie schon zuvor erwähnt zum einen Psychiater war und zum anderen ein begeistertet Anhänger Freuds, ist davon auszugehen, dass er dessen Rezession zu Hamlet kannte. Auch in seinem Hamletroman dominiert die Suche nach der Redlichkeit, die darin gipfelt, dass die „lange Nacht der Frage endlich ein Ende hat“ bzw. die Geschichte von Alice und Gordon offen dargelegt ist.

Gordon erkennt als Lear nicht die Aufrichtigkeit seiner jüngsten Tochter und möchte dies auch gar nicht. Im Gegensatz hierzu steht Edward, dieser zitiert Kierkegaard: „Was ich will. Ganz einfach, ich will Redlichkeit.“ Der Geist des Vaters ist immer gegenwärtig. Auch hier wird Hamlet bzw. Edward als Hysteriker gezeigt. Auch der versteckte Ödipuskomplex muss ausgegraben werden. Die Nacht der Lüge ist vorbei. In dem Kapitel „Die Liebe Alicias und Franklin Glenns“ wird dargestellt, dass Edward nun erkennt, dass er selbst den Hamlet lebte. Wenn man den Sachverhalt annimmt, dass Glenn der Vater Edwards ist, und Gordon mehr oder weniger symbolisch Glenn getötet hat und nun dessen „Frau“ Alice buhlt, dann lässt sich auch der Geist des Vaters in Alice entdecken, die Edward ständig drängt und unterstützt.

Nur die Motive sind andere. „Alice hörte nicht zu sprechen auf: „Hast du ihn gesehen bei eurer Komödie? Du dachtest ihn zu erschüttern, zu entlarven, ein Hamlet seinen schändlichen Stiefvater, den Mörder seines Vaters. Er saß im Kreise seiner Bewunderer, und alles, was ihr spieltet, tat ihm wohl! Hast du es bemerkt? Dabei wusste er, was du meintest. Er verstand gut, sei gewiss.

Es tat ihm wohl. Ja, sagte er, so bin ich, und noch mehr, und die Fahrt geht noch immer weiter, und ich werde noch mehr Masken tragen, eine böser als die andere, eine Verruchtheit nach der anderen, wer macht es mir nach? Er hat dich nachher gesucht, du warst nicht zu finden: er wollte dir Glück wünschen und danken.“

Wichtig ist es auch darauf hinzuweisen, dass Döblin als er den Hamlet schrieb, mit dem Ödipuskomplex vertraut war, und sogar seine Hauptpersonen diesen kennen und auch über den Ödipuskomplex sprechen bzw. versuchen ihn aufzudecken. Kathleen spricht zu Edward: „Wenn Eltern älter werden, hängen sie sich an die Kinder. Umgekehrter Ödipuskomplex. Der Vater hängt sich an die Tochter, die Mutter an den Sohn.“ Freuds Kenntnisse sind nicht nur Döblin bekannt und er jongliert damit sondern seine Charaktere selbst haben diese psychoanalytischen Kenntnisse.

Während in den vorherigen Beispielen wie Ödipus und Shakespeares Hamlet nur der Rezipient in den letzten 100 Jahren tatsächlich um die Ödipusproblematik wusste und diese als Interpretationshilfe gebrauchen konnte. Ja selbst ihre schöpferischen Väter ahnten nur von dieser komplexen Thematik. Freud selbst schreibt in „Der Moses des Michelangelo“ über den Hamlet: „Ich verfolge die psychoanalytische Literatur und schließe mich der Behauptung an, dass erst die Psychoanalyse durch die Zurückführung des Stoffes auf das Ödipus-Thema das Rätsel der Wirkung dieser Tragödie gelöst hat.“

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