Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben und das Prinzip Nützlichkeit - Georg Wilhelm Friedrich Hegel

„Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben und das Prinzip Nützlichkeit“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben und das Prinzip Nützlichkeit

Einleitung – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Die „Phänomenologie des Geistes“ schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1806 als Professor in Jena. Das Buch wurde 1807 veröffentlicht. „Das Buch untersucht das Wissen vom Wesen der Dinge. Zuerst erscheint es als sinnliches Wissen, dann als Wahrnehmung, dann als Verstand bis hin zur Vernunft. – In einem zweiten Teil werden die Erscheinungen der Vernunft untersucht, die sich zum Geist aufschwingt, bis das Wissen zu seinem Ziel kommt: dem absoluten Wissen. Aber das Ziel liegt noch weit.“ Auf dem Original-Titelblatt stellte er die „Phänomenologie des Geistes“, als eine Art Propädeuti Teil des „System der Wissenschaft“ vor. 

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit „Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben und das Prinzip Nützlichkeit“. Als Quelle dient aus der „Phänomenologie des Geistes“ der Gliederungspunkt VI. B. II. „Die Aufklärung“, der sich wiederum in die Teile, a) „Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben“ und b) „Die Wahrheit der Aufklärung“ teilt. 

Die Gedanken über „Die Aufklärung“ findet sich in Hegels Werk „Phänomenologie des Geistes“ im Gliederungspunkt VI., „Der Geist“, und unterteilt sich in:

A. „Der wahre Geist, die Sittlichkeit“ 

B. „Der sich entfremdete Geist; die Bildung“ 

C. „Der seiner selbst gewisse Geist. Die Moralität“ 

Der Hauptteil der Arbeit, Punkt 2., übernimmt als Unterpunkte Hegels Gliederung, 2.1. „Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben“ und 2.2. „Die Wahrheit der Aufklärung“. Teil, 2.1., gliedert sich darüber hinaus noch in: 2.1.1. Der erste Teil des Kampfes. 2.1.2. Der zweite Teil des Kampfes.  2.1.3. Das neue Opfer der reinen Einsicht. 2.1.4. Der Mensch und das Prinzip Nützlichkeit. 2.1.5. Der Kampf neigt sich zu ungunsten der Glaubens. Der zweite Teil des Hauptteils, 2.2., wird nicht unterteilt, weil er einem Gedankenstrang folgt,  Im Schlussteil, 3., werden einige Passagen kritisch beleuchtet und bewertet.  Zitate aus der „Phänomenologie des Geistes“ werden in der Fußnote ohne Namensangabe, nur durch Seitenzahl gekennzeichnet. Weitere Zitate werden in der Fußnote mit Namen des Verfassers und der Seitenzahl erwähnt. Die genaue Fundstelle ist im Literaturverzeichnis aufgeführt. 

Hegel benutzt ür seine philosophischen Ausführungen die Dialektik und geht hier meist in drei Schritten vor, beginnend mit dem An-sich-Sein eines Vorhandenen, dem Wesen der Dinge oder der Wahrheit. Der nächste Schritt ist dann das Für-andere-Sein, das sind die Erscheinungen der Dinge. Nun kommt das Für-sich-Sein, eine Synthese von An-sich-Sein und Für-andere-Sein darstellt – die Begriffbildung als Resultat der vorhergenannten Schritte. „Was dem Bewusstsein das Ansich war, erweist sich als ein Für-es; durch die bestimmte Negation entsprint ein neuer Gegenstand für das Bewusstsein, so dass eine neue Prüfung beginnen muß.“

Die Aufklärung und das Prinzip Nützlichkeit

Um Hegels Gedanken näher zu kommen, soll Hegels Weg in der „Phänomenologie des Geistes“ bis zu diesem Punkt kurz skizziert werden. Dieser Weg wurde zum Teil schon in der kurzen Ausführung über die Dialektik angedeutet. Hegel beginnt mit dem Bewusstsein in seiner Gestalt der Sinne, welches sich mit einzelnen Gegenstände befasst.  Zweitens folgt die Wahrnehmung, welche die Gegenstände als Allgemeines auffasst. Wenn diese jedoch die Eigenschaften der Gegenstände aufzeigen will, gerät sie in Widerspruch zwischen Einheit und Allgemeinheit.  Auf der dritten Stufe nun denkt der Verstand beides zusammen, nämlich das Für-sich-Sein und das Für-andere-Sein eben als Produkt des Verstandes, der wiederum um sein Wissen weiß. Dieses Wissen wird in der nächsten Stufe, durch das Wissen um sein eigenes Wissen, zum Selbstbewusstsein, welches wiederum sein Strichtet sein Streben auf Andere und entdeckt in der dialektischen Tradition stehend, dass dieses Andere eine zweite Gestalt innerhalb seines eigenen Selbstbewusstseins ist. Diese beide kämpfen nun als „Herr und Knecht“ gegeneinander – und zwar um gegenseitige Anerkennung. Der Kampf soll zu keinem Sieg führen, da beide einander bedürfen. Ist das Ziel der gegenseitigen Anerkennung erreicht, kämpft das Selbstbewusstsein nun um seine Einheit. Dabei entdeckt es die Freiheit des Denkens. Will es ein Handelndes werden, erkennt es seine Zerrissenheit und wird unglücklich.

Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Reine Einsicht und der Glauben entspringen bzw. werden beide im reinen Bewusstsein gebildet. Sie versinnbildlichen beide die Rückkehr aus der wirklichen Welt in das reine Bewusstsein. Beide sind tätig gegen die unlauteren Absichten und verkehrten Einsichten der wirklichen Welt. Dennoch sind sie einander entgegengesetzt,  Streitobjekt dieser Gegenpole ist das absolute Wesen. Das absolute Wesen ist für den Glauben ein Jenseitiges, für die reine Einsicht repräsentiert das eigene „Selbst“ das absolute Wesen. Aus diesem Grund „sind sie füreinander das Eine das schlechthin Negative des Andern“. Der Glaube verfügt über seine Inhalte, die reine Einsicht gewinnt erst durch eine „negative Bewegung gegen das ihr Negative“ Substanz und verwirklicht sich dadurch. Die reine Einsicht an sich verfügt über keine Inhalte. Die reine Einsicht bildet eine Einsicht aller, indem es ordnend auf Eindrücke und „Faseleien“ wirkt. Durch dieses ordnende Vorgehen wird die Verwirrung der Welt aufgelöst. Hegel beschreibt diesen Wirken mit den Worten: „Denn es hat sich ergeben, dass nicht die Massen und die bestimmten Begriffe und Individualitäten das Wesen dieser Wirklichkeit sind, sondern dass sie ihre Substanz und Halt allein in dem Geiste hat, der als Urteilen und Besprechen existiert, und dass das Interesse, für dies Räsonieren und Schwatzen einen Inhalt zu haben, allein das Ganze und die Massen seiner Gegliederung erhält.“

Erster Teil des Kampfes – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Hegel lässt die reine Einsicht in der Gestalt der Aufklärung auftreten, oder es geschieht, „dass die Gestalten des Geistes nun als „sich selbst tragende absolute reale Wesen“ auftreten“. Die Aufklärung nimmt den Glauben als unaufrichtig bzw. als „ein Gewebe von Aberglauben, Vorurteilen und Irrtümern“ wahr. Da sie sich selbst aber genau durch diesen Inhalt wiederum als Aufklärung bzw. reine Einsicht generiert, so gelangt sie in eine falsche Einsicht, ohne Selbstreflexion, sozusagen als „allgemeine Masse des Bewusstseins“. Diese Masse wiederum ist das Opfer. Sie ist das Opfer der Priesterschaft, denn diese wollte alleine im Besitz der Einsicht bleiben, aus der Eitelkeit und um der Masse die Subjekteigenschaft zu nehmen und diese zu objektivieren, um über sie zu herrschen. Zudem unterstützte die Priesterschaft den Despoten, als eine von Gott gewollte Herrschaft und bildete somit „die synthetische, begrifflose Einheit des realen und dieses idealen Reichs“. Dies war möglich, durch die charismatische priesterliche Auslegung der Bibel und der dumpfen Einsicht der Masse. So gesehen hat der Feind der Aufklärung drei Seiten: Die Priesterschaft, das Reich und die Dumpfheit der Einsicht. 

Die Aufklärung wendet sich nicht unmittelbar gegen den Willen der Priesterschaft und des Despoten, sondern Gegenstand ihres Handelns ist „die willenlose, nicht zum Fürsichsein sich vereinzelnde Einsicht, der Begriff des vernünftigen Selbstbewusstseins, der an der Masse sein Dasein hat, aber in ihr noch nicht als Begriff vorhanden ist“. Die reine Einsicht gewinnt hier dadurch, indem sie das unbefangene Bewusstsein auf die Vorurteile und Irrtümer hinweist und die schlechte Absicht keine Nahrung mehr hat.  „Das Bewusstsein der Massen ist an sich gesund, es ist zu reinen Einsicht fähig und wird sich dieser auch nicht widersetzen, wenn es von der Herrschaft und Verführung der Priester und Despoten befreit ist.“ Die reine Einsicht ist einesteils identisch mit dem unbefangenen Bewusstsein des absoluten Wesens, zum anderen lässt sie das absolute Wesen als Ansich gelten – nicht aber sein Fürsichsein. Dies hat zur Folge, dass der Glaube für die reine Einsicht reines Selbstbewusstsein ist, und zwar nur Fürsich, somit realisiert die Aufklärung sich selbst statt der falschen Einsicht.

Dieser erste Teil des Kampfes findet lautlos statt: er ist „einer ruhigen Ausdehnung oder dem Verbreiten wie eines Duftes in der widerstandslosen Atmosphäre zu vergleichen“. Die reine Einsicht agiert unmittelbar. Sie kann somit das Überraschungsmoment im gleichen Elemente nutzen. „(…) an einem schönen Morgen, gibt sie mit dem Ellenbogen dem Kameraden einen Schub und Bautz! Baradautz! der Götze liegt am Boden.“ Der Glaube kann sich der reinen Einsicht nicht verwehren. Es ist nicht zu verhindern. In diesem ersten Teil des Kampfes geschieht, „dass Gleiches mit Gleichem zusammengeht: und ihre Verwirklichung ist nicht nur eine gegensatzlose Ausdehnung“. 

Zweiter Teil des Kampfes – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Dieser Kampf wird nun fortgesetzt: Denn im ersten Teil hat „die neue für die Anbetung erhöhte Schlange der Weisheit (hat) auf diese Weise nur eine welke Haut schmerzlos abgestreift“. Nun entwickelt dieser Kampf eine andere Qualität. Er wird laut und gewaltsam. Die Aufklärung versucht dem Glauben zu demontieren, dass er nicht sein wahres Wesen erkannt und verwirklicht hat. Die Aufklärung entwickelt sich zu einer Kampfgestalt, die dem Glauben vorwirft, er verbreite seine eigenen Irrtümer und damit Lug und Trug. „Sie wird daher als Einsicht zum Negativen der reinen Einsicht, sie wird Unwahrheit und Unvernunft, und als Absicht zum Negativen der reinen Absicht, zur Lüge und Unlauterkeit des Zwecks.“ Die reine Einsicht verhält sich negativ gegen das ihr Entgegengesetzte. Das ihr Entgegengesetzte liegt aber im Begriff der reinen Einsicht. Es ist ihre Wesenheit, die sich negativ verhaltende Einsicht kann nur das Negative ihrer Selbst sein und sie wird somit selbst unlauter.  In diesen Kampf lässt sie sich ein, weil sie denkt, etwas anderes zu bekämpfen, aber sie bekämpft sich selbst, das Negative ihrer selbst. „Der absolute Begriff ist die Kategorie; er ist dies, dass das Wissen und der Gegenstand des Wissens dasselbe ist.“ Wenn die Vernunft von einem anderen spricht, hat sie dieses erkannt, was sie selbst ist. Sie ist keineswegs aus sich herausgegangen. „Dieser Kampf mit dem Entgegengesetzten vereinigt darum die Bedeutung in sich, ihre Verwirklichung zu sein.“

Die Aufklärung wirft der Religion hier auch vor, sie könne durch ihren Glauben an ihr absolutes Wesen, – Gott –, nicht sich selbst verwirklichen bzw. das ihr eigene Wesen leben. An dieser Stelle kommt das Kampfgeschehen zum Stillstand. Denn die Vorwürfe der gegnerischen Partei kommen dem Beschuldigten selbst wie Lug und Trug vor. Hegel erklärt das damit, dass im reinen Bewusstsein, die Wahrheit und die Gewissheit seiner selbst befindlich sind. Nur das hat Wahrheit, was begriffen wird. „Als reine Einsicht ist sie ohne allen Inhalt; die Bewegung ihrer Realisierung besteht darin, dass sie selbst sich als Inhalt wird, denn ein anderer kann ihr nicht werden, weil sie das Selbstbewusstsein der Kategorie ist.“ Man denkt hier an das gedoppelte Selbstbewusstsein, dass mit sich selbst im Konflikt steht. Hegel fordert in diesem Falle eine wechselseitige Anerkennung. „Sie erkennen sich gegenseitig als sich anerkennend.“ Die reine Einsicht sieht nicht, dass das ihr Negative, sie selbst ist. Weil sie den Glauben nicht als sich selbst erkennt, erklärt sie ihn für Irrtum. Denn der Glaube als wie auch die Aufklärung sind von ihren Thesen und ihrem Vorgehen überzeugt und halten das ihr Entgegengesetzte für Irrtum und Lüge. Die reine Einsicht ist sich selbst entfremdet, wenn sie sich als Objekt betrachtet. Sie erkennt sich in dem ihr Entgegengesetzten nicht. Hegel bezeichnet diese dialektische Bewegung auch als Entäußerung. Lukács hat eine noch weiter reichende Sichtweise: „Dagegen ist die „Entäußerung“ in der gesellschaftlichen Praxis der menschlichen Gattung, in der Geschichte, eine „Entäußerung“ des Geistes an die  Zeit, also ein nach der Hegelschen Konzeption wirkliches Werden, eine wirkliche Geschichte.“

Dieser beschriebene Kampf der reinen Einsicht versinnbildlicht die Verwirklichung ihrer Selbst. Sie ist zugleich betrachtendes Subjekt und betrachtetes Objekt. Allerdings erkennt sie sich im betrachteten Objekt noch nicht selbst. Vollendet ist dieser Vorgang dann, wenn sie den gegenständlichen Inhalt des betrachteten Objekts, als den ihrigen erkennt. Dieses Geschehen des Kampfes ist für die reine Einsicht ihr An-sich-sein. Das Für-andere-sein wird hier zum Lug und Trug. Die Vollendung erfolgt im Erkennen und somit im Wissen um den Begriff.

Das neue Opfer der reinen Einsicht – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Die reine Einsicht wendet sich nun der Basis – dem Fundament des Glaubens zu. Sie greift das absolute Wesen, den Grund des Glauben und die Glaubenshandlungen an. Die Aufklärung bemängelt, dass Gott das absolutes Wesen ein jenseitiges sei  und gleichermaßen in der Glaubensausübung anthropomorphisiert werde. „Dem Bewusstsein des Priesters oder Theologen ist die Aufklärung insofern gleich, als sie selber den Glauben in der verdinglichenden Weise missversteht, die sie am Aberglauben kritisiert.“ Somit haben sowohl das Bewusstsein der Priester als auch die Aufklärung eine falsche Einstellung zum Glauben.

 Die Aufklärung erkennt die Symbole des Glaubens nicht als Symbole, sondern sieht nur: Der Glaube macht sich ein Bild Gottes. „Sie sagt über den Glauben, dass sein absolutes Wesen ein Steinstück, ein Holzblock sei, der Augen habe und nicht sehe,(…)“. Der Glaube bezeichnet die Kirche als das Haus Gottes. Die Gläubigen beten Kreuze, Steine, Hostien usw. an. Der Leib Christi wird beim Abendmahl gereicht. Statt diese vorgenannten Symbole zu erkennen, hält die Aufklärung sie für gegenständlich und ordnet sie der Vergänglichkeit anheim. 

Hier stellt sich allerdings der zweite Fehler der Aufklärung ein. Durch ihre Angriffe transferiert sie das, „was dem Geist ewiges Leben und heiliger Geist ist,“ zur Vergänglichkeit. Die Aufklärung macht diese originären Symbole dadurch sinnlich erlebbar und gewiss. Der Glauben fühlt sich dadurch von der Aufklärung beschmutzt. Hegel formuliert es so, „(….) und besudelt es mit der an sich nichtigen Ansicht der sinnlichen Gewissheit, (…)“. 

So entwickelt sich dieser Disput weiter: Die Aufklärung betrachtet das Fundament des Glaubens als „ein zufälliges Wissen von zufälligen Begebenheiten“. Das ist nicht grundsätzlich der Fall. Es trifft nur dann zu, wenn der Glaube die Vorgehensweise der Aufklärung übernimmt. Wenn der Glaube historische Zeugnisse, wie die Bibel, expressis verbis, als Daseinsberechtigung, als  seine  Quelle annimmt. Dann irrt der Glaube. Schon Gotthold Ephraim Lessing wies darauf hin, dass die Wahrheit der Religion nicht durch historische Zeugnisse bewiesen werden kann. Aber es ist in der Regel davon auszugehen, dass der Glaube das Fundament seiner selbst in der Existenz Gottes  bzw. durch die Offenbarung findet. Im ersteren Fall würde es sich ja dann grundsätzlich um Aberglauben handeln, der nun durch die Aufklärung demaskiert wäre. „Die eigene wahre Theorie der Aufklärung ist zwar selber eine Art Idealisierung, indem sie die Dinge auf Gesetze und die Welt auf einen nicht weiter zu bestimmenden göttlichen Urheber zurückführt.“ Die Aufklärung selbst erkennt sich in diesem Stadium des Geschehens aber immer noch nicht.

Der Mensch und das Prinzip Nützlichkeit

Hegel führt nun einen neuen Gesichtspunkt ein. In der Welt steht alles in einer Beziehung zueinander. Einer benötigt und gebraucht den Andern. Alles hat einen Nutzen. Hegel zieht daraus folgendes Menschenbild: „Er ist, wie er unmittelbar ist, als natürliches Bewusstsein an sich, gut, als einzelnes absolut, und anderes ist für ihn; und zwar da für ihn als das seiner bewusste Tier die Momente die Bedeutung der Allgemeinheit haben, ist Alles für sein Vergnügen und Ergötzlichkeit, und er geht, wie er aus Gottes Hand gekommen, in der Welt als einem für ihn gepflanzten Garten umher.“ Einen Satz zuvor allerdings bezeichnet Hegel den Menschen als „bewusstes Ding“. Lässt sich aus diesen Worten ableiten, dass Hegel glaubt, der Mensch funktioniere eben wie eine Maschine nach gewissen Gesetzmäßigkeiten und kann nicht anders handeln? Der Mensch ist also schon gezwungen, alles dem Prinzip Nützlichkeit zu unterstellen. Er handelt nur noch um dessen Erfüllung. Die ganze Umwelt ist für ihn „gepflanzt“. Er muss sich dieser nur zu seinem Nutzen bedienen. Des Menschen eigene Nützlichkeit anderen gegenüber besteht darin, soziale Kompetenz zu erwerben, teamfähig zu sein, sich „zum gemeinnützlichen und allgemein brauchbaren Mitgliede des Trupps zu machen.“ Der Mensch kann selbst bestimmen, wie weit er in seiner Nützlichkeit geht – selbst wenn er sich dazu entscheidet, unmäßig zu sein und sich gegebenenfalls auch damit auch zu schaden, er ist aber auch in der Lage, das nötige Maß zu finden, um sich nicht selbst zu zerstören. Hegel leitet den selbst zerstörerischen Wesenszug daraus ab, dass der Menschen auch vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen gepflückt habe. „Anders ist auf andere Weise einander nützlich; alle Dinge aber haben diese nützliche Gegenseitigkeit durch ihr Wesen, nämlich auf das Absolute auf die gedoppelte Weise bezogen zu sein, die positive, -den dadurch an und für sich selbst zu sein, die negative, dadurch für andere zu sein.“ Auch das eigenen Gottesverhältnis stellt der Mensch unter das Prinzip Nützlichkeit. „Die Beziehung auf das absolute Wesen oder die Religion ist daher unter aller Nützlichkeit, das Allernützlichste; denn sie ist der reine Nutzen selbst, sie ist Bestehen aller Dinge, oder ihr an und  für sich sein, und das Fallen aller Dinge, oder ihr Sein für anderes.“

Der Glaube wiederum findet kein Verständnis für diese Position, die Religion unter dem Aspekt der Nützlichkeit zu verwenden. Das absolute Wesen wird hier zweckentfremdet, es hat keine originäre Bestimmung mehr – nur noch zu nutzen. Das höchste Wesen wird somit entleert. Der Kampf ist nun an einen Punkt gekommen, an dem beide Parteien ein ähnliches Problem haben. Da sie beide im reinen Bewusstsein entstehen und von diesem geprüft wurden, wurden beide Positionen als wahr erkannt. Es erinnert an Zahlenwerte, wie z. B. die 5, es gibt einmal (+ 5) und (-5), beide haben den Wert 5 – aber mit unterschiedlichen Vorzeichen. Dennoch gilt der Wert 5 für beide. Sie sind beide an sich wahr. 

Das wiederum aber hat zur Folge, dass dem Glaube die Vorwürfe der Aufklärung selbst als Lug und Trug erscheinen. Er kann sie keinesfalls auch als wahr anerkennen. Die Positionen sind nicht widerspruchsfrei. Auch die Tatsache, dass die Aufklärung zwar über den Glauben aufklärt, aber keineswegs über sich selbst aufgeklärt ist, gestaltet sich zum Problem. Sie nimmt sich selbst kritisiert überhaupt nicht wahr. Sie fühlt sich nicht angesprochen.

Kampf neigt sich zu ungunsten des Glaubens

Die reine Einsicht verwendet menschliches Recht gegen das göttliche Recht des Glaubens. „Der Glauben hat das göttliche Recht, das Recht der absoluten Sichselbstgleichheit oder des reinen Denkens, gegen die Aufklärung, und erfährt von ihr durchaus Unrecht; denn sie verdreht ihn in allen seinen Momenten, und macht sie zu etwas anderem als sie in ihm sind.“ Das menschliche Recht sieht in seiner Wahrheit nicht die Offenbarung des göttlichen Rechts. Hier wird Ungleichheit angewendet und kann zu keiner Einigung führen, denn das Selbstbewusstsein beansprucht absolutes Recht, was ihr der Glaube als Bewusstsein gewähren muss. Die Aufklärung übernimmt hier eine ordnende Funktion und bringt dem glaubenden Bewusstsein, die bislang auseinander fallenden Gedanken in die entsprechende Ordnung, um so durch ihre Bezogenheit auf das ihr Entgegengesetzte, den Begriff als Synthese ihrer Ganzheit zu bilden. Dies gelingt ihr aber nicht, sondern: „Sie bringt daher nicht die Einheit beider als Einheit derselben, d. i. den Begriff hervor; aber er entsteht ihr für sich oder sie findet ihn nur als vorhanden.“ Die Aufklärung erkennt das Andere nicht als zu sich gehörig, sondern sie bekämpft es als einen anderen Gegenstand. Sie erkennt sich darin nicht. „Gegen den Glauben also ist die Einsicht insofern die Macht des Begriffes, als sie die Bewegung und das Beziehen der in seinem Bewusstsein auseinander liegenden Momente ist, ein Beziehen, worin der Widerspruch derselben zum Vorschein kommt.“ Das Sich-Selbst-Nichterkennen durchzieht das gesamte Kampfgeschehen und ist dessen wesentlicher Inhalt und Motor.

Der Glaube hat nun die schlechtere Ausgangsposition, weil er den Vorwurf der Befangenheit an das Endliche nicht entkräften kann. Sämtliche persönlichen Opfer und Kasteiungen der Kirchenväter kommen zwar einer Verneinung des Willens zum Leben gleich, stellen aber keinen Weg in die Jenseitigkeit dar, sondern sind nur die Verwirklichung einzelner individueller Lebensentwürfe. Durch diese Einzeltaten werden jedoch keineswegs die Begierden der Allgemeinheit vernichtet. Die Askese des Einzelnen unterbindet auch nicht die Lust des Menschen an sich. „Dieses Reich ist ausgeplündert, und der trübe Geist des Glaubens hat den Makel des unbefriedigten Sehnens an sich.“ Die Aufklärung hat den Glauben entmythologisiert. Die Menschheit ist nicht imstande, glaubenskonform mit allen Konsequenzen und Verpflichtungen zu leben. Die reine Einsicht hat das absolute Recht: „Gegen den Glauben also ist die Einsicht insofern die Macht des Begriffes, als sie die Bewegung und das Beziehen der in seinem Bewusstsein auseinander liegenden Momente ist, ein Beziehen, worin der Widerspruch derselben zum Vorschein kommt.“

Hegel hält die Beziehung der reinen Einsicht zum Absoluten als eine befriedigte. „Der Glaube ist in der Tat hiemit dasselbe geworden, was die Aufklärung, nämlich das Bewusstsein der Beziehung des ansichseienden Endlichen auf das prädikatlose, unerkannte und unerkennbare Absolute; nur dass sie die befriedigte, er aber die unbefriedigte Aufklärung ist.“ Beide vorher sich bekämpfenden Positionen unterscheiden sich nicht mehr. 

Die Wahrheit der Aufklärung – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Die reine Einsicht verwirklicht sich nun selbst. Sie setzt ihren Begriff fest, das beinhaltet auch ihr Anderssein. Sie setzt auch die Negation des Begriffs. Die reine Einsicht setzt sich selbst als das absolute Wesen. Die Aufklärung stellte sich somit als Sieger heraus. Aber hier ist nun der Kampf keineswegs am Ende angekommen, sondern jetzt geht der Kampf innerhalb der Siegerpartei weiter  bzw. beginnt an diesem Orte, oder mit Hegels Worten: „Eine Partei bewährt sich erst dadurch als die Siegende, dass sie in zwei Parteien zerfällt; denn darin zeigt sie das Prinzip, das sie bekämpfte, an ihr selbst zu besitzen, und hiemit die Einseitigkeit aufgehoben zu haben, in der sie vorher auftrat.“ Also ist auch hier wieder das Streitobjekt das absolute Wesen. Die reine Einsicht muss sich nun nicht mehr mit dem Gegensatz Glauben bzw. Aberglauben beschäftigen, da sie nun ihren Gegensatz in ihrem eigenen von ihr gesetzten Begriff findet. Sie hat ihren Gegner selbst definiert. Somit bleibt sie im Kreislauf der Dialektik.

Die Aufklärung spaltet sich also nun in zwei Lager, für das eine Lager zeigt sich das absolute Wesen bar jeglicher menschlicher Prädikate und im Denken lebend. Das zweite Lager sieht das absolute Wesen als die reine Materie, die aller sinnlichen Faktoren entledigt ist. „Hegel hat dabei die philosophische Situation vor der französischen Revolution vor Augen: die Auseinandersetzung zwischen dem Deismus – etwa eines Voltaire – und dem Materialismus der La Mettrie und d’Holbach (…)“ Beide Lager allerdings sind vereint im für die Aufklärung zentralen Begriff der Nützlichkeit. Diese zwei sich spaltenden Lager der Aufklärung, die als absolutes Wesen, einmal das prädikatlose Absolute und zum anderen die Materie, nennen, sind derselbe Begriff. Der Unterschied besteht darin, dass sie unterschiedliche Ausgangspunkte und verschiedene Endpunkte im Denken haben, ansonsten würden sie einander treffen und erkennen.

„Die Natur der reinen Einsicht in der Entfaltung ihrer Momente, oder sie als Gegenstand drückt das Nützliche aus.“ Dieser Begriff der Nützlichkeit ist so wichtig, weil der Mensch ja nun auf jede metaphysische Regung oder jeglichen transzendenten Bezug verzichtet. Was soll aber nun dafür im Diesseitigen einspringen. Worauf soll der Mensch hinarbeiten? Alles soll zum Wohle des Menschen dienen. Dies ist der Begriff Nützlichkeit bei Hegel. Hegel denkt hierbei „vor allem an die Gesellschaftslehre von J. J. Rousseau, zu deren Grundbestandteilen die Vorstellung von einem Allgemeinwillen gehört.“ Allerdings müsste das einzelne Individuum diesen Allgemeinwillen in Bezug zu seinem individuellen Willen, dialektisch prüfen, erkennen und weitergeben, um zum Begriff des Allgemeinwillens zu kommen. 

Hegel führt drei Welten des Geistes an: 1. Der Geist zerstreut sein Dasein mit der vereinzelnden Gewissheit seiner selbst. Dies entspricht der Welt als principium individuationis, in der die Gattung sich selbst in Raum und Zeit realisiert, ohne selbst als Gattung vorhanden zu sein. 2. Die Welt der Gattung und des Ansichseins, der Wesen der Dinge. 3. „Das Nützliche ist die Wahrheit (…)“ Hier nun in der Nützlichkeit sind beide vorherige Welten – Wirklichkeit und Ansichsein vereinigt. „Das Nützliche ist der Gegenstand, insofern das Selbstbewusstsein ihn durchschaut, und die einzelne Gewißheit seiner selbst, seinen Genuß (sein Fürsichsein) in ihm hat; es sieht ihn auf diese Weise ein, und diese Einsicht enthält das wahre Wesen des Gegenstandes; (ein durchschautes oder für ein anderes zu sein) sie ist also selbst wahres Wissen, und das Selbstbewusstsein hat ebenso unmittelbar die allgemeine Gewissheit seiner selbst, sein reines Bewusstsein in diesem Verhältnisse, in welchem also ebenso Wahrheit, wie Gegenwart und Wirklichkeit vereinigt sind. Beide Welten sind versöhnt, und der Himmel auf die Erde herunter verpflanzt.“

Schlussteil – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Sicherlich spielen bei Hegels Gedanken zur Aufklärung auch seine eigenen Erfahrungen mit dem Protestantismus mit, welcher aus der Reformation hervorging, in dessen Umfeld er als Schwabe aufwuchs. Bialas formulierte Hegels Verhältnis zur Reformation so: „Die Reformation realisierte für Hegel also die Überwindung der Äußerlichkeit, der Entfremdung, der Knechtschaft und damit das Prinzip der Subjektivität.“ Folgt man dieser Meinung, stellt Hegel an diesem Punkt somit einen Bezug zur Französischen Revolution her.

Hegels Aufklärungsbegriff ist ein Epochenbegriff. Er hat, wie zuvor schon angedeutet, primär die Französische Revolution vor Augen. Streng wissenschaftlich gesehen, kann er dadurch keinesfalls Allgemeingültigkeit beanspruchen. „Das alles rechtfertigt es wohl, (…) davon zu sprechen, dass nirgends „der Kampf zwischen der Autonomie der Vernunft und der Autorität von Gottes Wort so leidenschaftlich geführt wurde, wie in Tübingen zur Zeit der französischen Revolution“.“ Hegel interpretiert in der vorliegenden Schrift, die Aufklärung in einer neuen historischen Uminterpretation: „Weder historisch noch sachlich betrachtet ging bzw. geht es einem aufklärerischen Bewusstsein darum, dem Kontrahenten, etwa einem religiösen Glauben oder einer reaktionären politischen Ideologie, klarzumachen, er befinde sich derart im Irrtum über sein wahres Wesen, wie Hegel es versteht.“ Der Aufklärung an sich geht es darum, religiöses Bewusstsein als wider die Vernunft und irrational zu entlarven. Hegel ging es aber wohl eher darum, den institutionalisierten Klerus zu entmachten oder wie Bialas einen zeitgenössischen Berichterstatter der Revolution zitiert: „Frei von Vorurteilen und würdig, die französische Nation zu vertreten, werdet ihr auf den Trümmern des entthronten Aberglaubens die einzige Universalreligion zu gründen wissen, die weder Geheimnisse noch Mysterien besitzt, deren einziges Dogma die Gleichheit ist, deren Redner unsere Gesetze, deren Priester unsere Beamten sind, und welche den Weihrauch der großen Familie nur vor dem Altar des Vaterlandes, der gemeinsamen Mutter und Gottheit, streut.“  

Dadurch, dass Hegel eine Synthese aus den Antinomien Materialismus und Deismus bildet und diese als Nützlichkeitsdenken definiert, „geht jedoch der Anspruch der Aufklärung, ein auf reine Vernunft (Einsicht) gegründetes System zu sein, verloren: Sie wird eine Art neuer Skeptizismus, der nur in dem Nachweis der Nützlichkeit aller Dinge und Einrichtungen eine jeweils einzelne Gewissheit erzeugt“. Zudem erinnern Hegels Nützlichkeitsgedanken an einen Ameisenstaat bzw. ein geschlossenes System, in dem jeder seinen Platz hat und diesen mit allen Rechten und Pflichten einzunehmen hat. Der Mensch kann zwar alles zu seinem Nutzen gebrauchen, er hat aber auch sich selbst der Nützlichkeit zu unterstellen. Dieses System kann nur in der Ausgewogenheit funktionieren. Und diese Ausgewogenheit ist nur gewährleistet, wenn jeder seine Position einnimmt und lebt. Individuelles Handeln ist nur in einem gewissen Maße vorgesehen. Es hat notwendiger Weise die Folge, dass sich ein Allgemeinwille bilden muss bzw. aus den Individualwillen sich ein gemeinsamer Tenor schließlich lässt. 

Wenn man Siep folgt und, wie in den Fußnoten 26 und 29 aufgeführt ist, davon ausgeht, dass Hegel diese Zitate aus der Bibel übernommen hat, ist es faszinierend zu verfolgen, wie Hegel sie nun gegen ihre originäre Basis richtet, die Worte sozusagen, zwar nicht der semantischen Bedeutung nach, aber dem Inhalte nach dennoch „verfälscht“ und gegen deren eigene Quelle richtet. Die Zeugnisse des Glaubens selbst dienen ihm als Organon. 

Wenngleich Hegels Text mehrfaches Lesen bedarf, ist er dennoch klar formuliert und nachvollziehbar. Die reine Einsicht tritt gegen den Glauben bzw. den Aberglauben an und ermöglicht somit der Vernunft sich um das für sie Wichtige zu kümmern: Die Nützlichkeit.

Literaturverzeichnis – Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Die Phänomenologie des Geistes. Neu herausgegeben von Hans-Friedrich Wessels und Heinrich Clairmont. Mit einer Einleitung von Wolfgang Bonsiepen. Hamburg 1988. (Philosophische Bibliothek; Bd. 414)

Bialas, Wolfgang: Von der Theologie der Befreiung zur Philosophie der Freiheit. Hegel und die Religion. Freiburg 1993. (Ökumenische Beihefte zur Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 23).

Ludwig, Ralf: Hegel für Anfänger. Phänomenologie des Geistes. Eine Lese-Einführung von Ralf Ludwig. 3. Auflage. München 2000.

Siep, Ludwig: Der Weg der Phänomenologie des Geistes. Ein einführender Kommentar zu Hegels „Differenzschrift“ und „Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main 2000. (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1475).

Becker, Werner: Hegels Phänomenologie des Geistes. Stuttgart 1971.

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