Kurzgeschichten abfahrender Zug

Was ist wichtig?

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

Als er in den Zug eingestiegen war, war er sich sicher, er werde es tun. An der ersten Haltestelle fragte er sich, woher sein plötzliches Misstrauen kam. Was wäre, wenn der Vaterschaftstest nicht das gewünschte Ergebnis bringt? Warum wollte er einen Test machen? Sollte er den Test überhaupt machen? Lauri war nun zwölf Jahre alt. Er war immer sein Sohn gewesen.

Während der Heimfahrt war seine Entschlossenheit, es zu wagen, genauso rasch kleiner geworden, wie die roten Schlusslichter des abfahrenden Zuges. Er drückte die Zigarette aus. Es war die erste Zigarette seit 13 Jahren. Er hatte mit dem Rauchen aufgehört, als Claudia schwanger war. Als sie ihn mit der frohen Nachricht überraschte, hatte ihn sofort eine Art Vaterstolz überflogen. Sie hatte ihre langen braunen Haare zu einem französischen Zopf geflochten. Dazu trug sie dunkelblaue Perlenohrstecker, deren Farbe sich in ihren Augen wiederfand. Sie hielt das Ultraschallbild in den Händen und tanzte, sich um sich selbst drehend, um ihn herum. Dabei bauschte sich das roséfarbene Seidenkleid auf. Sie sah zum Anbeißen aus. Er konnte nicht glauben, dass sie ihn geheiratet hatte.

Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch und sah von weitem winzig klein die beleuchteten Fenster seines Hauses.

Warum zweifelte er? Nur weil dieser Idiot von Thomas behauptete, Lauri könne genauso sein Sohn sein. Sie hatten zu dritt Urlaub in der Toskana gemacht. Wenn statt einem Jungen ein Mädchen gekommen wäre, hätten sie es Siena getauft.

Er hatte Claudia nichts davon erzählt. Aber es hatte die ganze Zeit an ihm genagt. Er hatte im Internet eine Anzeige für einen Vaterschaftstest von Labor Diagnostik Wegemann gefunden. 149,00 € kostete es, seine Träume zu zerstören. Er wusste, dass der Test keine Lösung war. Aber er konnte nicht widerstehen. Die Sucht hatte ihn betört, die hässliche Eifersucht.

Er überquerte fröstelnd die Straße. Die hellen Fenster zogen ihn nach Hause. Was würde er mit dem Ergebnis machen?

Er wollte gerade den Schlüssel ins Schloss stecken, als die Tür aufflog und Claudia ihn drückte und hervorstieß:

„Oh Christian!

Du bist da! Wir müssen sofort los, ins Krankenhaus. Lauri ist beim Training schwer gestürzt. Er wurde ins Marienhospital gebracht.“

„Claudia, wir müssen dein Auto nehmen! Ich war noch beim Stammtisch und habe den Audi stehen lassen.“

Claudia suchte den Autoschlüssel. Sie zitterte. Der Schlüssel passte nicht ins Schloss.

„Komm, lass mich mal“, bat Christian und nahm ihr den Schlüssel ab. Zum Glück hatte er nur ein Glas Weißwein gehabt – und das war jetzt schon zwei Stunden her. „Ich fahre!“

„Danke!“

„Seit wann habt ihr freitags Stammtisch?“

„Haben wir nicht. Wir haben das kurzfristig klar gemacht.“

„Gab es einen Grund?“

Was sollte er antworten?

„Grund gibt’s immer!“, nuschelte er. „Jetzt geht’s um Lauri. Was hat die Klinik am Telefon gesagt?“

„Er werde jetzt untersucht und es wird entschieden, ob der Bruch operiert werden muss und ob er Verletzungen am Rückenmark hat. Fahr nicht so schnell!“

„Hoffentlich wird alles gut!“

„STOPP! Die Ampel an der Kreuzung ist rot!“

Mit quietschenden Bremsen kam er, schon halb auf der Kreuzung, zum Stehen.

„Willst du, dass wir uns zu Lauri ins Krankenhaus legen?“

„Ich habe solche Angst um ihn! Ich will ihn auf keinen Fall verlieren. Er ist mein Sohn. Du und Lauri seid mein Leben!“

„Ein Päckchen von Labor Diagnostik Wegemann ist heute gekommen. Was hast du bestellt?“

 

„Das hat sich erledigt! Wirf’s weg!“

 

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