„Das Sterben der Pythia“ Friedrich Dürrenmatt (Rezension)

Die Macht des Schicksals – oder doch nur Zufall?

Zufall oder Schicksal? Die sterbende Pannychis schaut auf ihr Leben und Wirken zurück. Im Fokus steht Ödipus. Auch die am Mythos beteiligten „Hauptrollen“ kommen zu Wort und erzählen das Geschehen aus ihrer Perspektive.

Im Rahmen der Buchvernissage „Stoffe“-Edition liest Marthe Keller sehr beeindruckend „Das Sterben der Pythia“. Der Link führt zur Übertragung der fesselnden Vernissage. Wer nicht die gesamte Vernissage verfolgen möchte, sollte bis zur 27. Minute vorspielen. Aber es wäre schade! Es ist eine Vernissage mit vielen Informationen.

„Das Sterben der Pythia“ gehört, zusammen mit „Der Sturz“, „Abu Chanifa und Anan ben David“ und „Smithy“, zum 24. Band der Werkausgabe Friedrich Dürrenmatts. Es sind vier philosophische Erzählungen. „Der Sturz“ ist auch eine politische Parabel.

Entstehung- und Publikationsgeschichte

Das Sterben der Pythia wurde zum ersten Mal 1976 als eine Erzählung dem Nachwort zum Nachwort an den „Mitmacher Komplex“ angehängt. 1980 wurde der Text als eigenständige Erzählungen in die Werkausgabe aufgenommen. Hans Hausmann erstellt die Radiofassung (Radio DRS) im gleichen Jahr. Friedrich Dürrenmatt übernimmt die Erzählerrolle. Weitere Informationen finden sich in „Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie“ von Ulrich Weber. Zur Rezension:

Inhalt und Analyse

Während in der griechischen Mythologie die Geschichte des Ödipus Schicksal ist, entwickelt Dürrenmatt sie als eine Anhäufung von Zufällen. Der Zufall, eines der wichtigsten Motive Dürrenmatts.

Auch kommen diese Vorhersagen nicht von einer höherrangigen Instanz, sondern waren Ergebnis von Übermut, Geheiß oder Bestellung. Der Oberpriester Merops verdiente viel Geld dadurch. Korruption und Willkür hatten Oberhand.

Dürrenmatts Text lässt alle Hauptfiguren der Geschichte auftreten. Jede dieser Figuren erzählt der sterbenden Pythia ihre Sicht auf die Dinge. Dieses Verfahren entwickelt Dürrenmatt virtuos in „Durcheinandertal“ weiter.

Wie schon im Kriminalroman „Die Panne“ ersetzt der Zufall die Macht des Schicksals.

In „Das Sterben der Pythia“ verfolgt jede Voraussage ein bestimmtes Interesse. Das Orakel des Vatermords und des Inzests mit Iokaste, soll Laios daran hindern, Kinder zu zeugen. Die für Ödipus bestimmten Orakel spricht Pannychis aus Übermut zum eigenen Vergnügen.

Das „Schicksal“ des Orakels erfüllt sich „zufällig“. Oder im Text werden sie als Zufallstreffer bezeichnet.

Immer mehr Informationen verändern die „fiktive Realität“ des Geschehens und verwirren die Leser*innen.

Ein besonders spaßiger Auftritt ist die Eröffnung der Sphinx. Die Sphinx ist die Tochter des Hermes, des Gottes der Diebe und Betrüger. Wie glaubhaft sind ihre Informationen?

Deutung und Interpretationsansätze

Im Dürrenmatt Handbuch weist Rosemarie Zeller auf die Ähnlichkeit zu Max Frischs „Homo Faber“ hin.

„Frisch zeigt in einer Reihe von Zufällen, wie der Vater zum Liebhaber der Tochter wird, wobei dies ganz ohne Orakel geht! Das Orakel dient Dürrenmatt im Gegenzug dazu, den Zufall als Zufall zu diskutieren, was ihn spätestens seit „Die Physiker“ interessiert. Aber erst mit ‚Das Sterben der Pythia‘ hat er zu einer ästhetisch adäquaten Darstellung gefunden, indem es ihm gelingt, eine Variante des Mythos durch die nächste aufzuheben.“

Auf ihrem Dreisitz kauernd, überdenkt Pythia ihre Prophezeiungen, einige davon weissagte sie aus Übermut, einige auf Geheiß oder Bestellung. Der Oberpriester verdiente viel Geld mit ihr. Korruption und Willkür hatten Oberhand.

Worum geht es?

Friedrich Dürrenmatt zeigt in dieser Erzählung, wie stark und mächtig Fiktion und Narrative sein können. Der Mensch lässt sich dadurch beeinflussen. Schnell werden Entscheidungen getroffen, die es ohne die Fiktion oder das Narrativ nicht gegeben hätte.

Obwohl in „Das Sterben der Pythia“, der Mythos des Ödipus völlig zerpflückt wird, endet es damit, dass sich Ödipus selbst blendet – genau wie im Original!

Aber es geht auch um Erinnerung. Pythia erinnert sich nicht mehr an Ödipus und viele weitere Geschehnisse. Aber was bedeutet Erinnerung oder der Vorgang des Erinnerns überhaupt? Ist Erinnern im Sinne Platons, ein Wiedererkennen der Ideen? Für Dürrenmatt sind die Erinnerungen der Kindheit wichtig für sein Schaffen.

„Die Mythen sind für Dürrenmatt untrennbar mit der frühen Kindheit, mit den Eltern verbunden. Den biblischen Kosmos (und mit ihm denjenigen Gotthelfs) gestalteten die Erzählungen der Mutter, den antiken die des Vaters. Beide waren, auf unterschiedliche Weise, gute Erzähler. Die Mythen waren anders als Karl May, Jules Verne oder eben auch Bunyans „Pilgerreise“, Teil einer frühen „oralen Bildung“, affektiv an die gebunden, die sie vermittelten. Die Geschichte des Ödipus, an sich ein Sachverhalt von ätzender Ironie, wird so zu einer doppelten Vatergeschichte.“

Peter Rüedi: Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen. S. 27.

„Das Sterben der Pythia“ in den „Stoffen“

1975 las Friedrich Dürrenmatt zum ersten Mal „Das Sterben der Pythia“ ungekürzt im Deutschen Theater. Es war unerträglich heiß und strengte ihn sehr an. Danach meldete sich ein Student und stellte ihm folgende Frage:

 »Warum erzählen Sie uns so veraltete Geschichten? Was geht uns die Pythia an? Was Tiresias? Was Ödipus? Was die Sphinx?« Der Veranstalter brach die Diskussion ab. Ich war zu erschöpft, zu ausgelaugt.

Die Antwort hätte nur eine mythische sein können: Es geht uns alles an, weil es nichts gibt, das uns nichts angeht. Weil in dieser Welt alles zusammenhängt, nicht nur das Wirkliche und das Gewesene, auch das Mögliche und Möglichgewesene, ja sogar das nur Mythische.

1975 Lesung in Göttingen aus: FD-Stoffe-online

Das Weiterlesen in der Stoffe-Edition lohnt sich! Dürrenmatt erzählt und erläutert sehr genau, warum er diese Meinung vertritt und verweist auf Prometheus.

Fazit

Spätestens seitdem Trump das Narrativ der „gestohlenen Wahl“ auf die Welt losließ, wissen wir um die Macht der Narrative. Wie man an diesem Beispiel sehen kann, spielt der Wahrheitsgehalt des Narrativs keine übergeordnete Rolle und stellt keinen Filter dar. Wie schon bei zuvor veröffentlichten Rezensionen der Werke Dürrenmatts, möchte ich auf die Aktualität Friedrich Dürrenmatts und seiner Erzählungen, Bücher und Stücke hinweisen.

Besonders das „Sterben der Pythia“ hat mich zum Lachen gebracht. Das Zusammentreffen von Wahrheit, Lüge und Zufall hat Dürrenmatt mit großem Humor gezeichnet.

Leseempfehlung!!!

„Das Sterben der Pythia“ in Band 24 der Werkausgabe

"Das Sterben der Pythia" Pressebild Diogenes Verlag. Rezension. Friedrich Dürrenmatt

Der Sturz / Abu Chanifa und Anan ben David / Smithy / Das Sterben der Pythia
Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden. Band 24
Taschenbuch
176 Seiten
erschienen am 30. September 1998
978-3-257-23064-2

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Connie Ruoff

Mein Name ist Connie Ruoff, ich bin 1960 geboren, habe Philosophie und Germanistik studiert. Damit mir zu Hause nicht langweilig wird, studiere ich"Bloggen professionell gemacht" in der Fernakademie. Ich lese alles, was ich finden kann.

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