Eine Odyssee von Herkunft und Schicksal
In John Irvings neuem Roman „Königin Esther“ verschmelzen Familiendrama, jüdische Geschichte und typische Irving-Eskapaden zu einer fesselnden Reise von Neuengland nach Wien und Israel. Jimmy sucht seine mysteriöse Mutter Esther – doch wer ist die Frau, die als Leihmutter agiert und später zum Mythos wird? Ein Spätwerk voller Wendungen, das Themen wie Abtreibung und Identität mit Ironie und Tiefe beleuchtet.
Inhalt/Zusammenfassung „Königin Esther“
„Königin Esther“ erzählt von der Familie Winslow, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Neuengland lebt und Waisenkinder adoptiert. Im Zentrum steht Esther Nacht, eine jüdische Waise aus dem Waisenhaus St. Cloud’s (bekannt aus Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“), die als Kindermädchen bei den Winslows arbeitet. Sie schließt einen Pakt mit der jüngsten Tochter Honor: Esther lässt sich schwängern, gebärt Jimmy und verschwindet dann nach Wien und Israel. Der junge Jimmy, Adoptivsohn der Winslows und leiblicher Sohn von Esther, reist in den 1960er-Jahren nach Wien, um auf Honors Wunsch ein Kind zu zeugen und Spuren seiner Herkunft zu finden. Die Handlung spannt sich über Jahrzehnte, verbindet Familiengeschichten mit der Gründung Israels und endet mit einem Treffen in Israel.
Worum geht es wirklich in „Königin Esther“?
Der Roman dreht sich um Herkunft, Identität und familiäre Bindungen. Irving webt eine komplexe Erzählung, in der Esther als abwesende, mythische Figur wirkt – inspiriert von der biblischen Königin Esther. Esther trägt für Honor ein Kind aus. Jimmy begibt sich später auf eine „Irrfahrt“ nach Wien, wo er in einer WG mit der lesbischen Jolanda und dem schüchternen Claude lebt und seine Mission erfüllt. Rückblenden enthüllen Esthers Schicksal: Als Jüdin, deren Eltern aus Europa flohen und deren Mutter in Portland von Antisemiten ermordet wurde, sucht sie ihre Wurzeln. Irving verknüpft dies mit Querverweisen zu seinen früheren Werken und reflektiert über Antisemitismus, Zionismus und das 20. Jahrhundert.
Der Charakter von Esther: Mythos oder Mensch?
Esther Nacht ist die titelgebende geheime Heldin, eine rätselhafte Abwesenheit, die den Roman antreibt. Als 14-Jährige lässt sie sich aus „Jane Eyre“ den Satz „Je einsamer ich bin, je weniger Freunde ich habe, je weniger man mir hilft, desto mehr will ich mich selbst achten“ tätowieren – ein Symbol ihrer Unabhängigkeit und inneren Stärke. Das Zitat „Mich kümmert’s“ fängt Irvings typische provokative Haltung ein. Es stammt aus Esthers rebellischer Jugend, vielleicht im Kontext ihrer Entscheidung für das Tätowieren oder den Leihmutterschaftspakt – ein Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen und gesellschaftlichem Druck. Es unterstreicht ihre Unabhängigkeit: Trotz Einsamkeit und Verlusten kümmert sie nur ihr Selbstwert. Eine trotzige Antwort auf Ablehnung, die durch den Roman hallt und auch Jimmys Suche begleitet. Geboren in Wien, Waise, pflegt sie Honor wie eine Schwester, opfert sich als Leihmutter und zieht dann in die Welt: Wien, Haifa, Israel, wo sie für den Geheimdienst arbeitet. Sie bleibt „merkwürdig abwesend“, ein Zentrum der Lücke, das durch Briefe und Erinnerungen wirkt – weniger konkrete Person, mehr mythische Kraft, die Familie und Geschichte beeinflusst. Kritiker sehen in ihr eine „zionistische Kämpferin“, die als Racheengel Israel verteidigt.
Falls Esthers ständig wechselnde Anschriften etwas zu bedeuten hatten, so behielt sie das für sich. John Irving. Königin Esther (Function). Kindle Edition.1951 lautete die Anschrift für eine Weile HaYarkon-Straße in Tel Aviv; ursprünglich hatte sich dort das Büro des Mossad befunden. »Das könnte auch Zufall sein«, sagte Isaac Drucker nur. Später zog das Hauptquartier des Mossad in die Büros des Ministeriums in Sarona, das Esther die Kirya nannte; es hätte auch Zufall sein können, dass Esther dort ebenfalls eine Anschrift hatte.
John Irving. Königin Esther (Function). Kindle Edition.
Jimmy Winsl0w – „Königin Esther“
Jimmy Winslow verkörpert die unbeholfene Jugend. Als Student in den 1960ern reist er nach Wien, um Vater zu werden – eine skurrile Mission, um einer Einberufung zum Vietnamkrieg zu entgehen, wie Honor andeutet. Unbeholfen, neugierig und literaturliebend, taucht er in das Wien der 60er ein: voller Geheimnisse, Versuchungen und seiner WG mit exzentrischen Freunden. Jimmy sucht nicht nur seine Mutter Esther, sondern seine Identität inmitten von „großen Gefühlen und unglaublichen Wendungen“. Er wird Vater einer Tochter mit zwei Müttern, bleibt aber geprägt von der Abwesenheit Esthers, die aus Israel schützend wirkt. Seine Reise endet in einem symbolträchtigen Treffen mit Esther – ein Höhepunkt tragikomischer Irving-typischer Entwicklung.
Die Figuren sind typisch Irving: skurril, liebenswert, tragikomisch. Constance und Thomas Winslow – sie Bibliothekarin, er kleiner Dickens-Fan – bauen eine Tugend-familiäre Idylle mit Töchtern (nach Tugenden benannt) und adoptierten Kindermädchen. Honor, seelenverwandt mit Esther, betreut Jimmys Mission. Nebenfiguren wie Jolanda (lesbisch, unterstützend), Claude (schüchtern) und Frau Holzinger bereichern die WG-Chaos. Alle wachsen dem Leser ans Herz durch „Verschrobenheiten“ – Tätowierungen, Pakte, Irrfahrten.
Sprache und Stil in „Königin Esther“:
Irving’s Sprache ist ein Meisterwerk: langsam, vielstimmig, ironisch, mit glänzenden Dialogen und dickensschem Flair. Er „zieht in ein soziales Gewebe“, baut Atmosphäre durch Alltagsgespräche, Vorurteile und Eigentümlichkeiten auf – kein klassischer Plot, sondern Ton und Haltung. Rückblenden und Querverweise (z.B. zu Dickens, Balzac, Grass) changieren elegant. Wien der 60er lebt durch Geheimnisse, Neuengland durch familiäre Wärme. Kritiker loben die „große Erzählkunst“, die Figuren ans Herz wachsen lässt.

Fazit/Kritik „Königin Esther“
Irving greift sein Lieblingsthema Schwangerschaftsabbruch auf, verknüpft mit dem Waisenhaus St. Cloud’s und Dr. Larch (aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“). Esthers Leihmutterschaft als Gegensatz zu Abtreibung als Wahl: Sie gebärt freiwillig für Honor, statt zu unterbrechen. Es geht um Frauenrechte, Verantwortung und Konsequenzen – politisch aufgeladen, wie Honors kryptische Einberufungs-Vermeidung via Vaterschaft zeigt. Im Kontext von Antisemitismus und Israel-Gründung wird Abtreibung subtil als Freiheit thematisiert.
Irving entwickelt faszinierende Figuren. Manchmal überladen mit Symbolik (Happy-End „mit Brechstange“). Ein Buch, das ideal für Fans ist. Ich lese Irving sehr gerne, weil man, wenn man sich darauf einlässt, in weitere Stufen des Romans eintauchen kann. Die Romane von Irving sind ein Füllhorn der Symbole aus Geschichte, Philosophie und Gegenwart. Gleichzeitig schafft Irving eine eigene Welt, indem er auf andere seiner Bücher Bezug nimmt. Ich liebe es!
Eine eindringliche Leseempfehlung!
Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.
Bibliografie „Königin Esther“

Irvings letztes Buch!
Hardcover Leinen
560 Seiten
erschienen am 19. November 2025
978-3-257-07367-6
€ (D) 32.00 / sFr 42.00* / € (A) 32.90
* unverb. Preisempfehlung
Weiterführende Links
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