Die mittagsfrau von Julia Franck

Zum Glück lebe ich nicht in dieser Zeit!

Literaturtipps

6 CDs gesprochen von der Autorin, 2007 in Der Hörverlag erschienen.

Der Titel

geht auf die slawische Legende der Mittagsfrau zurück. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Mittagsfrau.

Inhalt

Julia Franck erzählt die Lebensgeschichte von Helene Würsich bzw. Alice Sehmisch. Sie beschreibt eine Kindheit Anfang des 20. Jahrhunderts in Bautzen, eine junge Erwachsene in der 20er Jahren im Berlin der Weimarer Republik und eine Ehefrau und Mutter während des Naziregimes. Im Prolog wird der siebenjährige Peter von seiner Mutter, Alice Sehmisch ausgesetzt. Das Geschehen wird aus Peters Sicht geschildert. Wir hören erst wieder im Epilog von Peter, wie er zehn Jahre später einen Besuch seiner Mutter erlebt.

Es kommt zum Perspektivwechsel. Es geht nun um Helene und ist aus ihrer Sicht geschrieben. Helene und ihre neun Jahre ältere Schwester leben in einfachen bürgerlichen Verhältnissen. Der Vater hat eine kleine Druckerei und die Mutter Selma gilt wegen ihrer Herkunft als schlesische Jüdin als Fremde. Helene fällt wegen ihrer Intelligenz in der Schule auf, aber im einfachen Bürgertum ist Bildung für Mädchen nicht vorgesehen. Das Verhältnis der Mutter zu den Töchtern ist schwierig und distanziert. Selma ignoriert die Mädchen, soweit es nur möglich ist. Die Schwestern halten zusammen.

Der Vater muss in den Krieg, während Martha und Helene für den Unterhalt der Familie sorgen. Die Mutter hat sich in die oberen Stockwerke zurückgezogen und dämmert geistig immer mehr vor sich hin. Nach sechs Jahren kommt der Vater aus dem Krieg, um zuhause zu sterben. Martha ist zu dieser Zeit schon drogenabhängig. Helene arbeitet als Krankenschwester und träumt von einem Medizinstudium, obwohl sie weder Abitur, Geld oder Beziehungen hat.

Biographische Wurzeln

Es handelt sich bei dieser Geschichte um die Lebensgeschichte von Julia Francks Vater. Er wurde von seiner Mutter auf einem Bahnsteig ausgesetzt. Helene und Julia Franck sind jüdischer Herkunft.

Themen

Helene ist eine Frau, die sich ihrer Rolle als Mutter nicht gewachsen fühlt. Die Zeit mit Carl während der Weimarer Republik gibt Helene Auftrieb. Nach dessen Tod verliert sie die Hoffnung. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, stimmt sie einer Heirat mit Wilhelm zu, um ihren Namen zu ändern und falsche Papiere zu bekommen. Als Ihr Mann feststellt, dass sie keine Jungfrau mehr ist, verachtet er sie. Es geht um fehlende emotionale Bindungen, fehlende Möglichkeiten für Frauen, einen qualifizierten Beruf mit Studium zu ergreifen. Helene wird von russischen Soldaten vor der Augen ihres Sohnes vergewaltigt. Sie verliert ihre Mutter in einer NS-Euthanasie-Anstalt.

Fazit

Julia Franck erzählt die Geschichte in einer nüchternen distanzierten Weise. Sie deutet oder bewertet das Geschehen nicht. Am meisten hat mich beeindruckt, wie Julia Frank Helene ihre Stimme leiht. Sie ist eine Beobachterin, die Helenes Leben und Umfeld beschreibt. Eine Zeit in der ich keineswegs leben will. Ich denke bei dem Buch ist das Hören aufschlussreicher, als nur das Lesen.


Literaturtipps

„Unterleuten“ von Juli Zeh, gelesen von Helene Grass

Rezension NSA – Nationales Sicherheitsamt von Andreas Eschbach

„Menschenwerk“ von Han Kang


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