Interview mit Susan Carner am 9. November 2018

Interview mit Susan Carner am 9. November 2018

Interview mit Susan Carner

Liebe Susan,

vielen Dank, dass du uns heute ein wenig von dir und deinen Büchern erzählst und wir dich besser kennenlernen dürfen!


Ich sag danke, liebe Connie, dass ich die Möglichkeit bekomme, ein bisschen über meine Krimis und mich zu erzählen. Für eine Selfpublisherin eine großartige Plattform. Ich hab mich total über deine Anfrage gefreut, weil ich deine doch sehr persönlichen Interviews gerne lese. Und jetzt bin ich eingeladen …???? Wahnsinn!!! 


Susan, ich habe zwei Bücher von dir gelesen und rezensiert: „Die Mallorquinische Leiche“ und „Der Tiergartenmörder“. Ein Urlaubskrimi und ein hochaktueller Krimi, den man durchaus als sozialkritisch bezeichnen kann. Erzähl uns doch etwas über deinen Debütroman, den ich noch nicht kenne.

Mein Debütkrimi war „Mord am Campus“. Ich bin eines Morgens im August 2016 nach einer USA Reise mit dem Plot im Kopf aufgewacht und das war´s. Ich musste ihn nur mehr runterschreiben, wie wenn du einen Film erzählst. Ich weiß bis heute nicht, warum ich diesen Einfall hatte, aber ja … so passiert´s im Leben.

Krimi Susan Carner

Vielleicht lag´s daran, dass sich die ganze Reise über das Gefühl verstärkt hat, dass Donald Trump – in den USA lief grad der Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump – die Wahl zum US-Präsidenten gewinnen würde, obwohl mich jeder für diesen Gedanken für verrückt erklärt hatte. Aber ich war mir sicher, weil die USA erstens für eine Frau an der Spitze noch nicht bereit waren bzw. sind und Hillary, so sehr ich sie schätze, zu sehr wie eine Politikerin rübergekommen ist. Im Gegensatz zu Trump mit seinen stupiden „Sperrt sie ein“ Rufen und dem „Make America Great Again“. Das haben sich die Menschen gemerkt.

Ja, und da ist mir eben eine kleine Geschichte eingefallen, eine Art politisches/gesellschaftliches Sittenbild der USA. Ein demokratischer Senatsanwärter, Ben Warden, wird des Mordes an seinem früheren Harvard-Professor angeklagt – von einem republikanischen Staatsanwalt, der mit dem berühmten und einer altehrwürdigen Familie entstammenden Warden noch ein Hühnchen zu rupfen hatte. Es geht in dem Buch weniger um die Suche nach dem wahren Mörder, denn der aufmerksame Leser wird ziemlich bald erraten, wer der Mörder ist, sondern mehr um die Machenschaften der Staatsanwaltschaft und der persönlichen Befindlichkeiten. Welche Rolle spielt zum Beispiel der afroamerikanische Detective John Monroe? 

Die Hälfte des Buches nimmt ein dramatischer Gerichtsprozess ein, in dessen Verlauf der Leser mit den Angeklagten bangt und hofft, sich aber nie sicher sein kann, wie der Prozess schlussendlich ausgeht. Mitangeklagt wird nämlich auch Lilly Warden, die Tochter des Beschuldigten, eine erklärte Hillary-Anhängerin, die ihrem Vater immer wieder vor Augen führt, warum Trump die Wahl gewinnen wird. Die kluge Lilly bringt ziemlich viele Argumente auf den Punkt, die später, nach der Wahlschlappe, von Hillary in einem Buch verarbeitet worden sind. 

Du siehst also, liebe Connie, Politik war schon immer ein Thema, das mich brennend interessiert hat …???? Ich denke, die Geschichte würde dir gefallen. Besonders stolz war ich auf meine erste Rezension, gleich nach der Veröffentlichung am 21.12.2016 bei Amazon, als ein mir völlig Unbekanngsaufbau und die Thematik begeistert. Und mich seine Rezi. Für das erste Buch bei der ersten Rezi gleich 5 Sterne ????


„Die Mallorquinische Leiche“ ist schon fast ein Mallorca Führer. Warum kennst du die Insel so gut und schreibst darüber?

Findest du, dass es schon mehr ein Reiseführer ist? ????Na jaa, ganz unrecht hast du nicht. Ich liebe die Insel, vor allen in der Nebensaison, und sie hat so viel mehr zu bieten als Ballermann. Und da meine Kommissarin Mercédès Mayerhuber neu auf der Insel ist, hat es sich so ergeben, dass der Leser mit ihr die Insel sozusagen entdecken kann. Die Rückmeldung der Leser zeigt, dass ich mit dem Miteinbeziehen der Insel und ihrer Schönheit richtig liege, denn die einen träumen dann zu Hause beim Lesen weiter und sagen sich, ja, da war ich auch, dort bin ich spaziert, da habe ich einen Kaffee getrunken. Und die anderen fahren wegen des Buches hin. Ich hab sogar in dem Resort, in dem die Geschichte spielt und wo ich wohne, wenn ich der Insel wieder einmal einen Besuch abstatte, Leute getroffen, die wegen des Buches dieses Resort in Paguera ausgewählt haben und dann auf Mercédès Spuren gewandelt sind.

Mich hat die Insel verzaubert, und da mir dann beim Schwimmen im Pool vor meinem geistigen Auge eine schwimmende Leiche erschienen ist, war die Geschichte da und ich musste sie nur mehr weiterspinnen. Das passiert bei langen Strandspaziergängen, wo ich dann meine Diktierfunktion im Handy benutze, damit ich nix vergesse. Wenn also eine Dame verloren am Strand in Paguera herumirrt und unverständliches in ihr Handy murmelt, dann bin ich das ????

Aber um zu deiner Frage zurückzukommen. Warum kennst du die Insel so gut? Ich kenn sie noch gar nicht so gut, weil ich war erst ein paar Mal da, aber ich bin ein neugieriger Mensch. Als Historikerin und Geographin hab ich ja das passende Hintergrundwissen und der Rest wird auf der Insel erforscht. Ich bin kein Typ, der stundenlang am Strand liegen kann, sondern ich erwandere mir eine Stadt oder ein Land, zum Teil auch mit dem Auto ????, und das verarbeite ich dann im Buch. Durch Zufall habe ich auf einem Flug Berlin (mein derzeitiger Wohnort) – Graz (meine Heimatstadt) eine echte Mallorquinerin kennengelernt, Mayte Botello, die in Graz lebt und die unterstützt mich. Ohne Mayte wäre es nicht so original. Sie korrigiert inseltechnische Fehler, von ihr kommen die mallorquinischen Ausdrücke, sie weiß über Besonderheiten Bescheid. Aber alle Lokale oder Spezialitäten, die ich im Buch beschreibe, hab ich selber ausprobiert … vor allen das „Ca’n Joan de S’aigo“ in der Altstadt von Palma … die heiße Schokolade dort ist zum Hinknien. Die müssten mir eigentlich einen Bonus bezahlen, denn so viele Leser haben sie schon wegen meines Buches aufgesucht ???? 


Nun zu „Der Tiergartenmörder“: Ein Buch, das von der Realität fast schon überholt wurde. Susan, möchtest du uns mehr zu der Entstehung erzählen und wie du die Realität mit in den Roman eingebaut hast.

Interview mit Susan Carner

Gerne, denn der Krimi liegt mir sehr am Herzen. Im Frühjahr nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hatte ich die Idee dazu, weil die Stimmung in Berlin und auch sonst in DE irgendwie gekippt war und immer „DIE Flüchtlinge“ als die Bösen hingestellt worden sind. Und mich machen solche Verallgemeinerungen einfach wahnsinnig. Es gibt nicht „Die guten Deutschen“ und “die bösen Flüchtlinge“. Es gibt nur Individuen, die aus unterschiedlichen Motiven morden oder lieben. Und da habe ich mir überlegt, was passieren würde, wenn ein deutsches Mädchen mutmaßlich von einem Flüchtling ermordet werden würde. Allerdings habe ich diese heftigen Reaktionen, die dann auf tatsächliche schreckliche Taten gefolgt sind, so extrem nicht angenommen. 

 Als ich meinen Plot geschrieben habe, war nur der Anschlag am Breitscheidplatz passiert, aber in DE noch kein Mord an einer Frau mutmaßlich begangen durch einen Flüchtling. Doch es ist tatsächlich passiert … 

Im Herbst 2017 wurde dann auch noch eine Frau im Tiergarten in Berlin, wo ja meine fiktive Geschichte spielt, von einem ausländischen Obdachlosen ermordet … da hab ich mir das erste Mal überlegt, ob ich meine Geschichte mit dem Titel „Der Tiergartenmörder“ wirklich so veröffentlichen möchte. Intensive Gespräche mit Freunden folgten und ich bin zu dem Schluss gekommen, jetzt erst recht. Denn die Hetze, die es zeitweise gegen Geflüchtete gibt, darf nicht unkommentiert bleiben. Ja, es gibt „böse“ Flüchtlinge, wie es „böse“ Deutsche gibt. Es gibt aber auch die „Guten“, auf beiden Seiten. Tausend kluge Kommentare in Zeitungen oder Fernsehreportagen beschäftigen sich immer wieder damit, aber irgendwie kommt es bei einem Teil der Bevölkerung nicht an. Also dachte ich, mit einem Krimi kann ich mehr bewirken und ihn so gestaltet, dass die Geschichte die Menschen zum Nachdenken anregt. Mein verdächtiger Flüchtling könnte der Mörder an der deutschen Studentin Tabea van Horten sein, aber es kommen auch andere in Frage. Doch wie agiert die Polizei? Die Medien? Wie ist die öffentliche Meinung? In meinem Krimi harmloser als vor kurzem in Chemnitz …

Ich habe zahlreiche Zuschriften bekommen, in denen die Leserschaft berichtet, wie berührt sie die Geschichte hat, wie wiedererkannt sie sich haben in ihren Zweifeln, aber auch in ihren Gedanken. Dass Rebecca Winter, die Kommissarin, ihnen aus dem Herzen spricht. Sie glücklich sind zu sehen, dass andere auch so denken und sie nicht allein sind. Manche haben auch umgedacht und sehen Geflüchtete jetzt mit anderen Augen, weil ich im Krimi ja auch auf gelungene Integration eingehe und die Gründe, warum jemand flieht oder fliehen muss. Menschen in Not haben wir schon in den 1930er Jahren nicht geholfen. Wollen wir in 50 Jahren den ermordeten Syrern gedenken? 

Allerdings zeige ich auch nicht gelungene Integration auf, deshalb bildet ja der Anschlag am Breitscheidplatz zu Weihnachten 2016 meinen Hintergrund und ist so nahtlos in die Geschichte verwoben, dass Berliner schon gemeint haben, auch der Mord in meiner fiktiven Geschichte sei tatsächlich passiert …

Mir war wichtig, keine vorgefertigten Meinungen zu bedienen, sondern den Menschen einmal einen Spiegel vorzuhalten, wie sofort gegeifert wird, wenn einem Flüchtling etwas vorgeworfen wird. Beziehungsweise die andere Seite, wo man sofort als Rechter bezeichnet wird, wenn man Bedenken oder Sorgen äußert. Die Kommissarin zeigt ihre persönlichen Gefühle, spiegelt ihr Empfinden. Stellt Fragen, auf die sie auch keine Antwort hat. Auch an die Politik.

Ich habe das Buch an Bundeskanzlerin Merkel geschickt, weil ich denke, dass die Geschichte gut aufzeigt, wie es im „Volk“ aussieht. Sie hat mir geantwortet, dass sie die Hinweise im Buch „aufmerksam aufgenommen“ hat. Auch die Familienministerin hat nach ihrem Besuch in Chemnitz ein Exemplar bekommen. Sie hat sehr ausführlich geantwortet und ist auf Fragen von Rebecca eingegangen, die sich ja fragt, wo die Politik bleibt mit brauchbaren Lösungsvorschlägen. Frau Dr.Giffey hofft, dass ich weiter mit spitzer Feder für die Demokratie eintrete ???? 

Ein Leser bezeichnet den „Tiergartenmörder“ als eine „Momentaufnahme unsere Zeit“. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Leider werden aber nur historische Krimis gehypt. Da weiß man schon, wer in der historischen Betrachtung der „Böse“ war. Mein „Tiergartenmörder“ ist wohl zu aktuell, denn die Reaktionen von Medien sind „Wollen wir nicht …“ Haben die Angst, sich die Finger zu verbrennen? Es gibt meines Wissens nichts, wo der Anschlag am Breitscheidplatz sachlich und nüchtern in einer Geschichte eingebunden ist. Oder eben die Flüchtlingsfrage … Es wird weder polemisiert, noch wird für eine Partei „Partei ergriffen“, sondern nüchtern betrachtet, wie und was so ein Mord anrichten kann und wie er instrumentalisiert werden kann. Aber das natürlich dramatisch und berührend geschildert ????

Abgesehen davon ist „Der Tiergartenmörder“ ein äußerst spannender Krimi. Und das wegen einer sympathischen Kommissarin, die sich nicht von Äußerlichkeiten blenden lässt und hartnäckig bleibt. Die Lösung ist doch total überraschend, oder? ???? Dabei gibt es einen Satz im Buch, der ziemlich früh auf den wahren Täter schließen lässt … doch bisher hat ihn niemand frühzeitig erraten … Du auch nicht, oder?


Deine Charaktere sind sehr facettenreich entworfen. Keine Figur lässt sich in eine Schublade ordnen, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Wie entwickelst du deine Protagonisten?

Ich sehe sie genau vor mir. Ich weiß, wie sie ticken, denken und leben, ohne mir groß Gedanken zu machen. Jede meiner Figuren existiert sozusagen in meinem Kopf als realistische Person, ohne eine wirklich existierende Person zum Vorbild zu haben. Es sind Erfahrungen aus meinem abwechslungsreichen Leben, meine Menschenkenntnis und mein Gefühl für Menschen. Ich kann mich gut in verschiedene Charaktere hineindenken, habe weltweit mit den unterschiedlichsten Typen und kulturellen Hintergründen zu tun gehabt. Oft sind es Gesprächsfetzen, die ich verarbeite und meiner Figur dann eine persönliche Note geben, obwohl die Figur gar nichts mit dem ursprünglichen Gespräch oder der realen Figur zu tun hat.

So sagt meine Rechtsmedizinerin im „Tiergartenmörder“, dass sie sich einen Blazer gekauft hat, einfach, weil sie ihn kaufen wollte. Das hat einmal eine Freundin bei einem Plausch auf meinem Balkon gesagt. „Einfach nur gekauft“ und wir haben uns schiefgelacht. Und meine Mona Martens wird damit bestens charakterisiert.

Wenn ich eine Geschichte im Kopf habe, dann sind auch die Figuren bereits da. Sicher, beim Schreiben werden sie ausgefeilt, aber ihr Grundcharakter ist vorhanden. Je nach Lust und Laune baue ich sie weiter aus. So ist mein Detective Monroe zuerst im „Mord am Campus“ einfach nur ein ermittelnder Polizist, bis ich bei einer Szene plötzlich einen Einfall hatte, was noch hinter ihm stecken könnte. Und das schreibt sich dann von selbst. Meine Finger tippen einfach runter, als würde mir der Text diktiert werden. Ich bin dann selbst überrascht, wohin mich meine Figuren so führen.

Oder es passiert bewusst, wie bei meiner kleinen Mia aus dem „Tiergartenmörder“, wo ich dachte, eine weitere Facette für den Fall könnte nicht schaden. Mia war so von Anfang an geplant, wie sie in den ersten Szenen dargestellt wird, doch die Weiterentwicklung entstand spontan durch eine bewusste Entscheidung.Mir liegen all meine Figuren sehr am Herzen und ich arbeite ihre Charaktere gerne heraus, weil mir das Zwischenmenschliche in meinen Krimis wichtig ist. Nicht, wie ein Mord passiert ist oder mit welchen technischen Raffinessen ein Mörder entlarvt wird, sondern das Warum. Das Motiv. Ich lass meine Figuren in realen Umgebungen spielen, an zauberhaften Orten wie Mallorca, mit realen Begebenheiten, das macht sie glaubhafter. Und der Leser kann besser in die Geschichte eintauchen. Findet sich vielleicht selbst wieder.


Interview mit Susan Carner

Arbeitest du mit Testlesern oder machst du Leserunden?

Beides. Zuerst Testleser, dann Leserunde, wenn das Buch veröffentlicht ist. Ich habe eine gute Freundin, meine Nachbarin Sylvia, die liest zuerst. Noch bevor alles fein ausgearbeitet ist. Wenn sie sagt, das ist spannend und stimmig, dann vertrau ich ihr. Sie hat ein gutes Feeling, auch für Unstimmigkeiten. Dann arbeite ich aus und die ersten Testleser bekommen die Geschichte zu lesen. Und je nachdem arbeite ich dann die Rückmeldungen ein. Es hilft ungemein, weil man oft als Autor eine bestimmte Szene im Kopf hat, die man vielleicht nicht so verständlich rübergebracht hat. Und alles, was meine Lektorin – die das Buch auch erst bekommt, nachdem Sylvia erstgelesen hat und ich überarbeitet – dann vielleicht übersehen oder anders gesehen hat, wird von den Testlesern noch mal kritisch beäugt. Allerdings lasse ich mir in der Geschichte selbst nicht dreinreden. ???? Beim Tiergartenmörder hatte ich eine Testleserin, der hat der Mörder nicht gepasst. Sie hätte lieber einen anderen Mörder gehabt. Oder manchen hat Beccas Aushalten ihrer missratenen Ehe nicht gefallen. Auch wenn sich viele das nicht vorstellen können, es ist so. Und warum etwas schöner darstellen, wenn es genauso sein kann?


Interview mit Susan Carner

Warum schreibst du?

Das ist eine gute Frage. Meine Mama fragt mich das auch immer wieder, weil sie nicht verstehen kann, dass ich meine Freizeit mit einer brotlosen Kunst vergeude …

Weil es mir Spaß macht. Ich wollte nicht schon immer schreiben, wie das ja bei vielen Autoren so der Fall ist. Nein, mir sind die Geschichten einfach eingefallen. Es gibt einen Auslöser, der mich umtreibt und mich dann mit einer Geschichte aufwachen lässt. Die Wahl Trumps war das, oder eben die Flüchtlingsfrage. Mir ist es ein Bedürfnis. Und Befriedigung. Ich hätte nie gedacht, wie befriedigend es sein kann, Geschichten und Figuren zu entwerfen und dieses miteinander zu verweben. Ein Stücken Zeitgeschichte krimitechnisch aufzubereiten. Mein Wissen als Historikern zu verarbeiten. Meine Lebenserfahrung einzubauen. Wenn man die 50 überschritten hat, sieht man vieles anders. Meine Figuren handeln für manche Leser etwas gewöhnungsbedürftig, was ich mit 20 oder 30 wahrscheinlich auch so gesehen hätte. Aber mittlerweile weiß ich, dass alles möglich ist … Und all diese Möglichkeiten in einen Krimi einbauen zu können, macht für mich den Reiz beim Schreiben aus.


Wie gehst du beim Schreiben vor? Planst du vor dem eigentlichen Schreiben, den Roman durch bzw. plottest du zuerst, oder schreibst du eher nach Gefühl?

Ich plane nichts, sondern habe wie aus heiterem Himmel die Geschichte komplett im Kopf. Heißt, der Plot steht. Und der wird ausgefeilt. Ich gehe, wenn ich nicht als Qualitätsmanagerin tätig bin, mit meinen Figuren schlafen und stehe mit ihnen auf. Dann fällt mir in der Morgendämmerung so ein Satz wie „Mrs Wellington trinkt Tee ein“ und dann entstehen daraus zwei Kapiteln in „Mord am Campus“ mit der alten Mrs Wellington, der lieben und netten Nachbarin der Mordverdächtigen. Oder ich sitze beim Frühstück in Dahlem im „Alten Krug“ und denke, dieser Ort würde sich doch wunderbar für Rebecca Winter als ein Schnipsel ihre Figur eigenen. Ich „lebe“ meine Geschichten. Ohne die Morde natürlich ???? 


 

 

Interview mit Susan Carner

Hast du ein schreibendes Vorbild?

Nein. Aber viele Autoren und Autorinnen, die ich sehr schätze. Agatha Christie ist so eine, mit der bin ich aufgewachsen. Ich hab all ihre Krimis als Halbwüchsige verschlungen. Stefan Zweig und seine Sprache liebe ich sowie die von Stefanie Zweig, die nicht mit Stefan verwandt ist. Felicitas Mayhalls Laura-Gottberg-Krimis sind meine absoluten Favoriten von heute, auch wenn Frau Mayhall leider schon verstorben ist und wir so nie erfahren werden, ob Laura und Angelo sich doch noch kriegen … Vielleicht hat mich die Lektüre ihrer Krimis sogar inspiriert … was weiß man schon, was in einem vorgeht?


 

 

Interview mit Susan Carner

Was liest du selbst gerne?

Krimis, historische Sachbücher und Biographien historischer Persönlichkeiten. Bei mir stehen zuhause die Herrschaften Kissinger, Clinton, Trump, verschiedene Habsburger, Hannah Arendt, Hitler, Liebermann, Doris Lessing, Berta von Suttner, Grace Kelly, Peter Scholl Latour … nein, jetzt hör ich auf zum Aufzählen. Ich bin vielseitig interessiert … und in das Leben interessanter, böser, schöner Menschen zu blicken ist höchst aufschlussreich und sehr inspirierend oder abschreckend. 

Findest du, dass Autoren einen gesellschaftlichen Auftrag haben, wenn ja, welche Botschaft möchtest du weitergeben?     

Gesellschaftlichen „Auftrag“ würde ich jetzt vielleicht nicht sagen, doch ich denke, dass wir in gewisser Weise so etwas wie Vorbilder sind. Ich könnte daher in meinen Büchern auch nie etwas vertreten, dass ich persönlich nicht unterschreiben könnte, auch wenn kontrovers diskutiert wird wie jetzt im „Tiergartenmörder“. Ich für mich finde es wichtig, nicht nur einen spannenden Lesestoff zu liefern, sondern auch ein bisserl die Gehirngänge der Leser zu reizen. Mich hat es unheimlich gefreut, als eine Leserin mir geschrieben hat, dass sie neben dem Lesen gleich immer recherchiert hat – sowohl über die historischen Fakten als auch über die Lokale, die ich in meinen Krimis auch immer wieder vorstelle. Eine andere Leserin hat gemeint, dass sie aus meinen Büchern schon viel gelernt hat. 

Du hast in deiner Rezi geschrieben, Rebecca ist dir am Anfang mit ihrer „Klugscheißerei“ ein wenig auf die Nerven gegangen, hast dann aber für dich festgestellt, dass sie einfach eine „gut informierte und belesene Bürgerin“ ist. Und das möchte ich auch vermitteln. Dass „Bildungsbürgertum“ kein Schimpfwort ist, als das es ja heute oft schon gebraucht wird, sondern das Bildung und Information wichtig sind. Sonst können die Politiker mit uns machen, was sie wollen. Sehen wir grad in den USA, wo die einfachen Worte „Sperrt sie ein“ mehr bewirken als jedes sachliche Argument, dem Leute gar nicht mehr folgen können ob ihrer nicht so ausgeprägten Bildung, einschließlich dem Präsidenten. Ist doch traurig, oder? Heute stehen uns so viele Mittel zur Verfügung. Aber wofür nutzen wir das Internet? Zum Beleidigen und doofe Spiele spielen.

Ja, vielleicht sehe ich es doch als Auftrag, ein bisschen Information in meinen Geschichten mitzuliefern, die über die Story hinausgeht. Es schadet ja nicht, wenn man ein bisserl was Neues hört, oder? Oder Dinge, die irgendwo in den Gehirnwindungen verschwunden sind, wieder hervorkitzelt. Daher würde ich sagen, meine Botschaft lautet, Leute informiert euch. Bildet euch weiter, damit euch keiner ein X für ein U vormachen kann.


Das waren meine Fragen. Dann hoffe ich, dass wird dich mit dem nächsten Buch hier wiedersehen. Möchtest Du noch einige Worte an deine Leserschaft richten?

Ich freue mich total, dass es da draußen bereits Fans von mir gibt, die mir bei Instagram folgen oder mir per Mail ihre Eindrücke dalassen. Es ist wunderschön zu wissen, dass deine Geschichten ankommen und gelesen werden. Ich bin für jeden Leser dankbar und demütig, dass meinem Buch jemand seine kostbare Zeit widmet. Ich kann nur DANKE an meine Leser sagen und hoffe, sie bleiben mir treu. 

Für alle Mercédès-Mayerhuber-Fans wird’s im Frühsommer eine Fortsetzung der „Mallorquinischen Leiche“ geben, ähnlich locker flockig wie der letzte. Und im Herbst/Winter dürfen sich die Rebecca-Winter-Fans aus dem „Tiergartenmörder“ freuen, da kommt der Nachfolgeband. Zwei ganz unterschiedliche Kommissarinnen. Aber vielleicht kreuzen sich ja auch ihre Wege? Als Rebecca-Winter-Fan würde ich auf die Fortsetzung der „Mallorquinische Leiche“ spitzen …

Ja, und ich würd mich riesig freuen, wenn ich mit meinem nächsten Buch auch wieder bei dir aufschlagen darf! Du weißt ja, ich mag deine Art der Rezension sehr ????

Vielen Dank für deine Bereitschaft Connies Schreibblogg, einige Fragen zu beantworten. Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich mit deinem nächsten Buch wieder „besuchen“ würdest.

Gerne liebe Connie. Jeder Zeit wieder ????

Interview mit Susan Carner

Wohin?

Mallorquinischen Leiche zum Frühstück

Der Tiergartenmörder

Connie

Mein Name ist Connie Ruoff, ich bin 1960 geboren, habe Philosophie und Germanistik studiert und bin jetzt in der "Schule des Schreibens" eingeschrieben. Ich wohne in Hessen. Ich lese alles, was ich finden kann.

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