„Die Mallorquinische Leiche“ ist schon fast ein Mallorca Führer. Warum kennst du die Insel so gut und schreibst darüber?

Findest du, dass es schon mehr ein Reiseführer ist? ????Na jaa, ganz unrecht hast du nicht. Ich liebe die Insel, vor allen in der Nebensaison, und sie hat so viel mehr zu bieten als Ballermann. Und da meine Kommissarin Mercédès Mayerhuber neu auf der Insel ist, hat es sich so ergeben, dass der Leser mit ihr die Insel sozusagen entdecken kann. Die Rückmeldung der Leser zeigt, dass ich mit dem Miteinbeziehen der Insel und ihrer Schönheit richtig liege, denn die einen träumen dann zu Hause beim Lesen weiter und sagen sich, ja, da war ich auch, dort bin ich spaziert, da habe ich einen Kaffee getrunken. Und die anderen fahren wegen des Buches hin. Ich hab sogar in dem Resort, in dem die Geschichte spielt und wo ich wohne, wenn ich der Insel wieder einmal einen Besuch abstatte, Leute getroffen, die wegen des Buches dieses Resort in Paguera ausgewählt haben und dann auf Mercédès Spuren gewandelt sind.

Mich hat die Insel verzaubert, und da mir dann beim Schwimmen im Pool vor meinem geistigen Auge eine schwimmende Leiche erschienen ist, war die Geschichte da und ich musste sie nur mehr weiterspinnen. Das passiert bei langen Strandspaziergängen, wo ich dann meine Diktierfunktion im Handy benutze, damit ich nix vergesse. Wenn also eine Dame verloren am Strand in Paguera herumirrt und unverständliches in ihr Handy murmelt, dann bin ich das ????

Aber um zu deiner Frage zurückzukommen. Warum kennst du die Insel so gut? Ich kenn sie noch gar nicht so gut, weil ich war erst ein paar Mal da, aber ich bin ein neugieriger Mensch. Als Historikerin und Geographin hab ich ja das passende Hintergrundwissen und der Rest wird auf der Insel erforscht. Ich bin kein Typ, der stundenlang am Strand liegen kann, sondern ich erwandere mir eine Stadt oder ein Land, zum Teil auch mit dem Auto ????, und das verarbeite ich dann im Buch. Durch Zufall habe ich auf einem Flug Berlin (mein derzeitiger Wohnort) – Graz (meine Heimatstadt) eine echte Mallorquinerin kennengelernt, Mayte Botello, die in Graz lebt und die unterstützt mich. Ohne Mayte wäre es nicht so original. Sie korrigiert inseltechnische Fehler, von ihr kommen die mallorquinischen Ausdrücke, sie weiß über Besonderheiten Bescheid. Aber alle Lokale oder Spezialitäten, die ich im Buch beschreibe, hab ich selber ausprobiert … vor allen das „Ca’n Joan de S’aigo“ in der Altstadt von Palma … die heiße Schokolade dort ist zum Hinknien. Die müssten mir eigentlich einen Bonus bezahlen, denn so viele Leser haben sie schon wegen meines Buches aufgesucht ???? 


Nun zu „Der Tiergartenmörder“: Ein Buch, das von der Realität fast schon überholt wurde. Susan, möchtest du uns mehr zu der Entstehung erzählen und wie du die Realität mit in den Roman eingebaut hast.

Gerne, denn der Krimi liegt mir sehr am Herzen. Im Frühjahr nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hatte ich die Idee dazu, weil die Stimmung in Berlin und auch sonst in DE irgendwie gekippt war und immer „DIE Flüchtlinge“ als die Bösen hingestellt worden sind. Und mich machen solche Verallgemeinerungen einfach wahnsinnig. Es gibt nicht „Die guten Deutschen“ und “die bösen Flüchtlinge“. Es gibt nur Individuen, die aus unterschiedlichen Motiven morden oder lieben. Und da habe ich mir überlegt, was passieren würde, wenn ein deutsches Mädchen mutmaßlich von einem Flüchtling ermordet werden würde. Allerdings habe ich diese heftigen Reaktionen, die dann auf tatsächliche schreckliche Taten gefolgt sind, so extrem nicht angenommen. 

 Als ich meinen Plot geschrieben habe, war nur der Anschlag am Breitscheidplatz passiert, aber in DE noch kein Mord an einer Frau mutmaßlich begangen durch einen Flüchtling. Doch es ist tatsächlich passiert … 

Im Herbst 2017 wurde dann auch noch eine Frau im Tiergarten in Berlin, wo ja meine fiktive Geschichte spielt, von einem ausländischen Obdachlosen ermordet … da hab ich mir das erste Mal überlegt, ob ich meine Geschichte mit dem Titel „Der Tiergartenmörder“ wirklich so veröffentlichen möchte. Intensive Gespräche mit Freunden folgten und ich bin zu dem Schluss gekommen, jetzt erst recht. Denn die Hetze, die es zeitweise gegen Geflüchtete gibt, darf nicht unkommentiert bleiben. Ja, es gibt „böse“ Flüchtlinge, wie es „böse“ Deutsche gibt. Es gibt aber auch die „Guten“, auf beiden Seiten. Tausend kluge Kommentare in Zeitungen oder Fernsehreportagen beschäftigen sich immer wieder damit, aber irgendwie kommt es bei einem Teil der Bevölkerung nicht an. Also dachte ich, mit einem Krimi kann ich mehr bewirken und ihn so gestaltet, dass die Geschichte die Menschen zum Nachdenken anregt. Mein verdächtiger Flüchtling könnte der Mörder an der deutschen Studentin Tabea van Horten sein, aber es kommen auch andere in Frage. Doch wie agiert die Polizei? Die Medien? Wie ist die öffentliche Meinung? In meinem Krimi harmloser als vor kurzem in Chemnitz …

Ich habe zahlreiche Zuschriften bekommen, in denen die Leserschaft berichtet, wie berührt sie die Geschichte hat, wie wiedererkannt sie sich haben in ihren Zweifeln, aber auch in ihren Gedanken. Dass Rebecca Winter, die Kommissarin, ihnen aus dem Herzen spricht. Sie glücklich sind zu sehen, dass andere auch so denken und sie nicht allein sind. Manche haben auch umgedacht und sehen Geflüchtete jetzt mit anderen Augen, weil ich im Krimi ja auch auf gelungene Integration eingehe und die Gründe, warum jemand flieht oder fliehen muss. Menschen in Not haben wir schon in den 1930er Jahren nicht geholfen. Wollen wir in 50 Jahren den ermordeten Syrern gedenken? 

Allerdings zeige ich auch nicht gelungene Integration auf, deshalb bildet ja der Anschlag am Breitscheidplatz zu Weihnachten 2016 meinen Hintergrund und ist so nahtlos in die Geschichte verwoben, dass Berliner schon gemeint haben, auch der Mord in meiner fiktiven Geschichte sei tatsächlich passiert …

Mir war wichtig, keine vorgefertigten Meinungen zu bedienen, sondern den Menschen einmal einen Spiegel vorzuhalten, wie sofort gegeifert wird, wenn einem Flüchtling etwas vorgeworfen wird. Beziehungsweise die andere Seite, wo man sofort als Rechter bezeichnet wird, wenn man Bedenken oder Sorgen äußert. Die Kommissarin zeigt ihre persönlichen Gefühle, spiegelt ihr Empfinden. Stellt Fragen, auf die sie auch keine Antwort hat. Auch an die Politik.

Ich habe das Buch an Bundeskanzlerin Merkel geschickt, weil ich denke, dass die Geschichte gut aufzeigt, wie es im „Volk“ aussieht. Sie hat mir geantwortet, dass sie die Hinweise im Buch „aufmerksam aufgenommen“ hat. Auch die Familienministerin hat nach ihrem Besuch in Chemnitz ein Exemplar bekommen. Sie hat sehr ausführlich geantwortet und ist auf Fragen von Rebecca eingegangen, die sich ja fragt, wo die Politik bleibt mit brauchbaren Lösungsvorschlägen. Frau Dr.Giffey hofft, dass ich weiter mit spitzer Feder für die Demokratie eintrete ???? 

Ein Leser bezeichnet den „Tiergartenmörder“ als eine „Momentaufnahme unsere Zeit“. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Leider werden aber nur historische Krimis gehypt. Da weiß man schon, wer in der historischen Betrachtung der „Böse“ war. Mein „Tiergartenmörder“ ist wohl zu aktuell, denn die Reaktionen von Medien sind „Wollen wir nicht …“ Haben die Angst, sich die Finger zu verbrennen? Es gibt meines Wissens nichts, wo der Anschlag am Breitscheidplatz sachlich und nüchtern in einer Geschichte eingebunden ist. Oder eben die Flüchtlingsfrage … Es wird weder polemisiert, noch wird für eine Partei „Partei ergriffen“, sondern nüchtern betrachtet, wie und was so ein Mord anrichten kann und wie er instrumentalisiert werden kann. Aber das natürlich dramatisch und berührend geschildert ????

Abgesehen davon ist „Der Tiergartenmörder“ ein äußerst spannender Krimi. Und das wegen einer sympathischen Kommissarin, die sich nicht von Äußerlichkeiten blenden lässt und hartnäckig bleibt. Die Lösung ist doch total überraschend, oder? ???? Dabei gibt es einen Satz im Buch, der ziemlich früh auf den wahren Täter schließen lässt … doch bisher hat ihn niemand frühzeitig erraten … Du auch nicht, oder?


Deine Charaktere sind sehr facettenreich entworfen. Keine Figur lässt sich in eine Schublade ordnen, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Wie entwickelst du deine Protagonisten?

Ich sehe sie genau vor mir. Ich weiß, wie sie ticken, denken und leben, ohne mir groß Gedanken zu machen. Jede meiner Figuren existiert sozusagen in meinem Kopf als realistische Person, ohne eine wirklich existierende Person zum Vorbild zu haben. Es sind Erfahrungen aus meinem abwechslungsreichen Leben, meine Menschenkenntnis und mein Gefühl für Menschen. Ich kann mich gut in verschiedene Charaktere hineindenken, habe weltweit mit den unterschiedlichsten Typen und kulturellen Hintergründen zu tun gehabt. Oft sind es Gesprächsfetzen, die ich verarbeite und meiner Figur dann eine persönliche Note geben, obwohl die Figur gar nichts mit dem ursprünglichen Gespräch oder der realen Figur zu tun hat.

So sagt meine Rechtsmedizinerin im „Tiergartenmörder“, dass sie sich einen Blazer gekauft hat, einfach, weil sie ihn kaufen wollte. Das hat einmal eine Freundin bei einem Plausch auf meinem Balkon gesagt. „Einfach nur gekauft“ und wir haben uns schiefgelacht. Und meine Mona Martens wird damit bestens charakterisiert.

Wenn ich eine Geschichte im Kopf habe, dann sind auch die Figuren bereits da. Sicher, beim Schreiben werden sie ausgefeilt, aber ihr Grundcharakter ist vorhanden. Je nach Lust und Laune baue ich sie weiter aus. So ist mein Detective Monroe zuerst im „Mord am Campus“ einfach nur ein ermittelnder Polizist, bis ich bei einer Szene plötzlich einen Einfall hatte, was noch hinter ihm stecken könnte. Und das schreibt sich dann von selbst. Meine Finger tippen einfach runter, als würde mir der Text diktiert werden. Ich bin dann selbst überrascht, wohin mich meine Figuren so führen.

Oder es passiert bewusst, wie bei meiner kleinen Mia aus dem „Tiergartenmörder“, wo ich dachte, eine weitere Facette für den Fall könnte nicht schaden. Mia war so von Anfang an geplant, wie sie in den ersten Szenen dargestellt wird, doch die Weiterentwicklung entstand spontan durch eine bewusste Entscheidung.Mir liegen all meine Figuren sehr am Herzen und ich arbeite ihre Charaktere gerne heraus, weil mir das Zwischenmenschliche in meinen Krimis wichtig ist. Nicht, wie ein Mord passiert ist oder mit welchen technischen Raffinessen ein Mörder entlarvt wird, sondern das Warum. Das Motiv. Ich lass meine Figuren in realen Umgebungen spielen, an zauberhaften Orten wie Mallorca, mit realen Begebenheiten, das macht sie glaubhafter. Und der Leser kann besser in die Geschichte eintauchen. Findet sich vielleicht selbst wieder.


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