Vierter Teil – „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“

2.4 Gordon Allison

Alice dämonisiert ihn in ihren Geschichten.
Er wird Lord Crenshaw, der Held einer Geschichte am Anfang des Buches., der unbegrenzt handlungsfähig ohne eigenes Ich ist.

2.4.1 Die Phantasien Gordons

Gordon hat in seiner Funktion als Schriftsteller natürlich eine weite Bandbreite an Instrumentalien zur Verfügung, um seine Phantasien anschaulich dem Publikum lebendig werden zu lassen. In der Realität ist Gordon ein Mann, der wohl eher in der Phantasie lebt als im Alltagsleben. Er verbirgt sich in einem fettleibigen Körper und stellt diese als Mauer zwischen sich und die Umwelt. Er lebt in seinem Zimmer und nimmt wenig am Familienleben teil. Zwischen Alice und ihm besteht ein erkaltetes Verhältnis. Beide leben mit dem Status quo bis Edward ins Haus kommt. Nun gerät das scheinbar harmonische Familienleben aus den Fugen.

2.4.1.1 Lord Crenshaw

Lord Crenshaw war ursprünglich ein Titelheld aus einer von Gordons ersten Geschichten. Als Alice ihn einmal öffentlich so nannte, blieb der Name an ihm haften. „[Vielleicht war sie die junge Person, die der Lord Crenshaw geraubt und auf ewig entführt hatte?] Damit war das Urteil über Gordon gesprochen, und über der Familie Allison thronte eine rätselhafte Figur mit auswechselbarer Persönlichkeit.“ Lord Crenshaw in Gordons Dichtung, weiß nichts über seine eigene Persönlichkeit – ihm fehlt die Selbsterkenntnis.

Er nimmt die ihm vorgeschlagenen Identitäten wie eine leere Tafel an. „Sein Bewusstsein hatte allmählich etwas Chamäleonhaftes: es veränderte sich nach dem, der sich ihm näherte. Der Lord griff rasch Suggestionen auf und spielte sich in eine Rolle ein; offenbar war er froh, endlich angelangt zu sein und seine Person erwischt zu haben. Aber dabei blieb es nicht lange; sein Crenshawbus fuhr weiter.“

Das Motiv der Entführung aus dieser Geschichte kommt auch in der familiären Rahmenhandlung zwischen Alice und Gordon latent immer wieder zur Sprache, indem sie entsprechende Geschichten oder Mythen erzählen. Damit wird der Eindruck vermittelt, als ob Alice keine Möglichkeit gehabt hätte, Gordon zu entgehen. Es kommt in diesem Punkt zu einer Mischung aus Fremd- und Eigendarstellung. Gordon hat die Gestalt des Lord Crenshaw dichterisch entwickelt – und Alice hat diese Rolle auf ihn übertragen. Auch die Gesellschaft um die beiden nahm diese Übertragung an.

Bei Freud ist zu diesen Annahmen folgendes ausgeführt: „Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit.“ Es ist zu vermuten, dass Gordon als er die Geschichte Lord Crenshaws schrieb, nicht mit der derzeitigen Situation in der er sich befand zufrieden war. Er wusste nicht mehr, wer er selbst war und sah keine Chance, dass sich Alice ihm ohne Druck nähern und öffnen würde.

Hier geschieht eine adäquate Handlung in der Handlung: Döblin als Schriftsteller entwickelt die Figur Gordon, der wiederum selbst ein Schriftsteller ist und einen Protagonisten Lord Crenshaw entwickelt mit dem er sich identifiziert. Auch für Döblins entwickelte Romanfigur, den Schriftsteller, gilt, was Freud in „Der Dichter und das Phantasieren“ ausführte.
Berücksichtigt sollte hierbei auch die „Zeitmarke“ werden. Freud erläutert diese folgendermaßen: „Das Verhältnis der Phantasie zur Zeit ist überhaupt sehr bedeutsam. Man darf sagen: eine Phantasie schwebt gleichsam zwischen drei Zeiten, den drei Zeitmomenten unseres Vorstellens.

Die seelische Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen Anlass in der Gegenwart an, der imstande war, einen der großen Wünsche der Person zu wecken und greift von da aus auf die Erinnerung eines früheren meist infantilen Erlebnisses zurück, in dem jener Wunsch erfüllt war, und schafft nun eine auf die Zukunft bezogene Situation, welche sich als die Erfüllung jenes Traumes darstellt, eben den Tagtraum oder die Phantasie, die nun die Spuren ihrer Herkunft vom Anlasse und von der Erinnerung in sich trägt.“

2.4.1.2 Troubadour-Geschichte.

Gordon zeigt uns hier die mögliche Diskrepanz zwischen dem ersten möglichen Anschein und welche anderen Deutungsmöglichkeiten hier tatsächlich noch realisierbar wären, die somit ein völlig anderes Bild der gesamten Realität vermitteln. Der erste Schein kann durchaus trügen. Jaufie als Ritter des Kreuzes um gutes zu tun oder nutzt er nur die Gelegenheit, um seinem Umfeld zu entfliehen und sein Leben mit unbekannten Abenteuern zu erweitern?

Und der Minnesänger, ist er auf der Suche nach der reinen Liebe ohne Erfüllung sondern nur um der Liebe willen oder sucht auch er anderes zu verdrängen? Er sieht sich selbst als überlegenen Vater in der Geschichte.

2.4.1.3 Michelangelo.

Es ist sicherlich auch mit auf Freud zurückzuführen, dass Döblin Gordon aus den Sonetten Michelangelos zitieren lässt. In der Schrift „Der Moses des Michelangelo“ setzt Freud den Hamlet von Shakespeare auf die gleiche Ebene, wie den Moses des Michelangelo. Allerdings erwähnt er nichts über seine Sonette. Mit den Worten Michelangelos kann Gordon die dunkle Seite der Liebe aufzeigen. Er zitiert aus einem Buch, das er sich vor zwanzig Jahren gekauft hatte und das seitdem bis heute in Vergessenheit geriet.

Alice wird sehr bewegt und beunruhigt über die Wandlung, die sich dabei in Gordon vollzieht. Das entsprach wieder dem Gordon von früher. „Währenddessen saß Alice am Büffettisch, noch immer erschrocken über Gordon Allison und – über sich. Es war auch in ihm nicht erloschen. Sie hatten beide das Kriegsbeil wieder ausgegraben.“ Erwähnenswert sind vor allem die zwei „weichen“ Sonette die Gordon vorträgt:

Viel teurer als gewöhnlich bin ich mir;
Weit mehr mir wert, seitdem mein Herz dich hegt,
So wie der Stein, in den ein Bild geprägt,
Wertvoller ist als roh und ohne Zier.
Michelangelo 1. Strophe.

Es ist ein Liebesbekenntnis, das aussagt, dass man ein ergänzendes „Du“ gefunden hat, das einem sich selbst durch diese Bereicherung liebenswerter macht. Soll sich dieses Bekenntnis an Alice richten? Alice wiederum ist von dem darauf vorgetragenen Sonett dermaßen ergriffen, dass sie Gordon um folgendes bittet: „Lies es noch einmal, bitte, Gordon“, die Stimme Alices, „lies recht langsam.“

„Jetzt stillt nicht Malen und nicht Meißeln mehr
Die Seele. Liebe sucht sie nur bei Gott,
Der uns vom Kreuz die offenen Arme beut.“
Michelangelo
Auch hier können wir schon einen Verweis an die Zukunft einräumen. Gordon identifiziert sich möglicherweise aus der Ahnung heraus, dass nun nicht mehr die Liebe Alices ihn erlösen kann – sondern nur Gott, der in Christus für uns sein Leben ließ.

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