Sechster Teil – Hamlet oder die lange Nacht hat ein Ende

2.5 Die Wandlung vom Dionysischen zum Apollinischen

Nietzsche beschreibt die griechische Kultur durch den Antagonismus zweier Kräfte, welche er in Anlehnung an die entsprechenden Gottheiten das Apollinische und das Dionysische nennt. Dem Apollinischen eignen die Ruhe und Klarheit des schönen Scheins, die maßvolle Begrenzung sowie das Principium Individuationis, welches bei Nietzsche so viel heißt, wie Menschen und Dinge als individuell bestimmte, einzelne und in sich geschlossene wahrzunehmen.

Als Analogie entspricht dem Apollinischen der Traum, in dem der Träumende die Welt aus der Distanz wahrnimmt und diese „im Gegensatz zur lückenhaft verständlichen Tageswirklichkeit” in Form eines in sich geschlossenen Bildes betrachtet. Das Dionysische dagegen bezeichnet eine Erfahrung des Chaos, der Selbstvergessenheit und der Grenzüberschreitung, in der das Principium Individuationis zerbricht. Angesichts des Abgrundes,

welcher sich beim Dahinschwinden aller Sicherheiten öffnet, bewirkt das Dionysische einerseits ein „ungeheures Grausen”, doch ruft es als grenzenlose Vereinigung und Aufhebung aller Distanz andererseits auch eine „wonnevolle Verzückung” hervor. Dem Dionysischen entspricht als Analogie der Rausch, „doch nicht im Sinne einer Betäubung, sondern im Sinne eines vorbehaltlosen Dabeiseins, das lustvoll auf jede Abgrenzung verzichtet” (Figal). Auch wenn Nietzsches Ausführungen dies manchmal auf den ersten Blick nahe legen, dürfen das Dionysische und das Apollinische nicht als einander getrennt gegenüberstehende Entitäten missverstanden werden, bei denen etwa das Dionysische die schreckliche Wahrheit bezeichnet, der gegenüber das Apollinische einen täuschenden Schein bildet.

Nietzsche sieht den Hamlet als einen dionysischen Menschen: „beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge gethan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, dass ihnen zugemutet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Die Erkenntnis tödtet das Handeln , zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion – das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Träumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Überschuss von Möglichkeiten, nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein! – wahre Erkenntnis, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv.“

Gordon hat eine sehr zwielichtige Vergangenheit, die ihn mit einer Mörderin verbindet und hatte Alice schon während dieser Zeit, als er noch Reporter war und in diesen Kreisen verkehrte, in dieses dionysische Umfeld.
Wenn wir nun die im vorigen Punkt besprochenen Rollen einordnen wollen in dieses System könnte das wie folgt aussehen:

2.5.1 Lord Crenshaw

Diese Rolle erfüllt die Anforderungen des dionysischen schon alleine durch die Unbegrenztheit der Persönlichkeit. Seine chamäleonartige Wandelbarkeit und auch die daraus resultierende Bereitschaft zum Chaos.

2.5.2 Troubadour

Die Geschichte von Jaufie ist von apollinischen und dionysischen Elementen durchwoben. Wobei die Figur des Vaters auch hier vor seiner eigenen Identität flieht, weil dieser seine Lebensumstände mit der von ihm gewählten Partnerin und seinem Sohn verändern möchte. Außerdem ist er gewalttätig gegenüber seiner Frau. Jaufie hingegen lebt treu für seine wahre Liebe, dafür heuchelt er die Liebe zur Prinzessin von Tripoli.

2.5.3 Pluto

Pluto entspricht in der griechischen Mythologie dem Dionysos. Das heißt das Alice ihn als Verkörperung der dunklen Mächte des dionysischen, des Rausches, der Begierde sieht. Somit kann sie sich selbst als das apollinische Opfer betrachten. Demeter ist nur zum Teil in der Lage ihn zu bezwingen. Sie bringt eine kleine Ordnung in seine Welt, indem sie ihm mithilfe des Zeus Proserpina nur einen Teil des Jahres überlassen muss.

2.5.6 König Lear

König Lear verbreitet Chaos im Lande. Er erkennt keine Grenzen an. Wenn man den „Eber“ König Lear betrachtet, sieht man das Dionysische, der aber darauf „wartet“ durch das apollinische erlöst zu werden. Gott Mod als er sich zum richtigen Glauben bekennt ist dazu in der Lage. Hier wird schon auf das Finale in der Rahmenhandlung vorbereitet – das gemeinsame Vaterunser mit Alice in seiner Sterbestunde.

2.5.7 Michelangelo

S. 417/418: Der dionysische Zug kommt auch hier durch Gewaltbereitschaft zutage. Er schlägt sich mit Alice und möchte auch körperliche Gewalt gegen Edward einsetzen.

S. 487: Gordon beschämt inzwischen sein früheres Verhalten Edward gegenüber.

S. 540: Er weiß, dass Alice gierig nach ihm war, nach der Unterwelt. Sie wollte ein unwahres Ergebnis bei der Suche nach der Redlichkeit. Er wollte, dass sie sich selbst auflöst.

Gordon spricht am Schluss mit Alice das Vaterunser. Er findet seine apollinische Seite bzw. den Glauben. Es ist hier sicherlich als Sieg des apollinischen über das dionysische zu werten. Allerdings darf gleichwohl keineswegs vergessen werden, dass diese beide sich gegenseitig bedingen und nicht ohne einander gedacht werden können. Dieser Kampf muss sozusagen ausgefochten werden.

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