Zweiter Teil – „Hamlet oder die lange Nacht hat ein Ende“

Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende

Im Vergleich mit anderen Schriften von Döblin, wie „Die Ermordung einer Butterblume“ oder den Romanen „Berge, Meere und Giganten“ und auch „Berlin Alexanderplatz“ liest sich „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ geradezu einfach. Die Personenkonstellation ist klar – der Oedipuskomplex muss nicht gefunden werden – die Hauptdarsteller greifen ihn selbst auf und reden darüber. Ja sogar die Analyse des Hamlet bzw. Edward wird punktuell vorgezeichnet. Man muss ihr nur folgen. Und dennoch ist die Familiengeschichte für den Leser spannend und der Rezipient ist ihr gerade hilflos ausgeliefert und findet sich in einem Drama wieder. Dem Leser offenbaren sich so vielschichtige Charaktere, die nicht immer eindeutig als „gut“ oder „böse“ bewertet werden können.

2.1 Die Beziehung zwischen Sigmund Freud und Alfred Döblin

Döblin wurde 1878 zweiundzwanzig Jahre nach Freud geboren. Schon auf dem Gymnasium in Berlin schrieb Döblin seine ersten literarischen Texte. Er studierte wie Freud Medizin und spezialisierte sich auf die Psychiatrie. Insofern teilten beide den gleichen Werdegang. Beide verbanden wohl die Literatur und die Phantasie eng mit der Psychoanalyse. Anhand der folgenden Schriften und Auszügen lässt sich wohl erkennen, dass Döblin ein großer Anhänger und Bewunderer Freuds war und diesem bzgl. seinen Ansichten zur Literatur und Psychoanalyse folgte. .
Döblins Veröffentlichungen zum Thema

Psychoanalyse/Freud In „Kleine Schriften III“: „Soll man die Psychoanalyse verbieten?“ (5.5.1925), Protokoll eines Plädoyers für Sigmund Freud. (29.04.1930) sowie die beiden unten aufgeführten und etwas näher erläuterten Schriften sollen seine Einstellung gegenüber Freud nachzeichnen.

Döblin erfasste in seiner Rede „Zum 70. Geburtstag Sigmund Freuds“ (5.5.1926);
zu diesem festlichen Anlass die Punkte, die er bewunderte und die er selbst auch in der vorliegenden Textvorlage umsetzte. Er wies darauf hin, dass die menschliche Seele kaum mehr ein zuhause hatte und zu den Dichtern und Pfarrern floh. „Freud ließ sie in sein Sprechzimmer und sagte: „Legen Sie ab gnädige Frau. Ja bitte ziehen Sie sich aus..“ Schon hier ein deutlicher Hinweis auf die Verbundenheit zwischen Literatur bzw. Erzählt werden und dem Arzt der zuhört.

2.2 Psychologische Funktion der Geschichtenerzählung

„Wir fangen friedlich an, und jeder trägt seine Meinung vor, in einem kleinen oder großen Beispiel, in einer Erzählung, weil dies das beste Mittel ist, etwas zu behaupten, ohne den anderen zu verwunden. Wir reden, wir überzeugen, wir lernen. Möge sich aber keiner zum Sklaven seiner eigenen Meinung machen. Wer Augen hat zu sehen, sehe; wer Ohren hat, zu hören, höre. Unsere Devise ist; aufmerksam und willig folgen. Wir erwarten von jedem Geduld und Nachsicht gegenüber seinem Nächsten, selbst wenn man ihn nicht begreift. Wenn wir nicht so verfahren, sind wir Streiter, die auf ihren Pferden sitzen und über das Feld jagen, aber aneinander vorbeischießen – also überhaupt nicht kämpfen.“ Diesen Charakter der Erzählabende stellt Gordon vor.

Döblin hat die Textvorlage als Novellenroman geschrieben. Und durch diese Novellen soll eine Analyse Edwards erfolgen – aber nicht nur bei Edward gelingt dieses Anliegen, auch seine Eltern werden aus ihrer Lebensführung gerissen und erschüttert. Auch für dieses schriftstellerisches Vorgehen finden wir einen Hinweis in der Geburtstagsrede. „Freuds Krankengeschichten lassen sich wie Novellen lesen. Eine Analyse ist die Erschütterung des Seelenlebens, um es zu zivilisieren. Es wird geführt, aufgedeckt und unermüdlich gedrängt.“

Der Gedanke des Geschichtenerzählens zum Zwecke der Heilung. Das Motiv des Erzählen ist somit zunächst medizinisch-therapeutischer Art. „In anfallartigen Schüben sucht der traumatische Komplex die von der Zensur des Bewusstseins verhängte Blockade zu durchbrechen.“

Durch die Erzählungen kann der Erzählende eine gewisse Distanz zur eigenen Identität finden, weil er sie in eine fremde Rolle verpackt. Die erzählten Vorkommnisse beschämen ihn nicht und treffen ihn nur bedingt. Es entspricht einem ähnlichen System als wie der Traumdeutung. Träume sind die Verwirklichung von oft unbewussten Wünschen. Der Traum verschlüsselt diese Wünsche dann bzw. „entstellt“ sie und Freud unterscheidet dann zwischen dem „latenten“ und dem „manifesten“ Trauminhalt. Somit können diese unbewussten Wünsche die Instanz der Zensur durchbrechen.

Ähnliches können wir nun beim Gestalten der Erzählungen beobachten. Erzählungen entstehen in der Phantasie. „Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit.“

Es entsteht letztendlich ein Familienporträt, auf der Einsicht fußend, „dass nicht mehr die von anonymen Massen bewegte Natur, sondern der Mensch als zentrale Figur der Schöpfung fungiert, dass das Individuum den Kosmos repräsentiert“. Es ist bezeichnend, dass die Teilnehmer dieser Erzählrunde fast alle Protagonisten wählen, die auch Freud schon analysiert oder beschrieben hat. Aus diesem Grund wird nachfolgend bei der Deutung gleichermaßen auf Freud verwiesen bzw. seine Thesen aufgezeigt.

Einleitung   

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