Fünfter Teil – „Hamlet oder die lange Nacht hat ein Ende“

2.4.2 Die Phantasien Alices

2.4.2.1 Pluto

Die Figur der geraubten Proserpina verwendete Döblin schon in seinem Roman „Berge, Meere und Giganten“. Hier gewinnt nun das Motiv der Entführung seinen Höhepunkt. Gordon verkörpert in der Phantasie von Alice den Höllenfürsten Pluto, der sich die kleine unschuldige Proserpina stiehlt und in sein Reich der Unterwelt entführt. Es gelingt ihm jedoch nicht die kleine Seele ganz zu besitzen. Durch die Hilfe ihrer Mutter Demeter kann sie einen Teil des Jahres wieder in der Oberwelt fröhlich verbringen.
Alice sieht zwar die Macht Gordons insofern, dass er sie aus der Oberwelt entführen konnte, sie ins Böse, ins Dunkle bringen konnte, aber seine Macht reicht nicht aus, sie ständig dort zu halten. Er muss sich der größeren guten Macht beugen, und sie teilweise wieder freigeben.

2.4.2.2 Salome

Salome tanzte für ihren Stiefvater so, dass dieser ihr den Wunsch erfüllte, Johannes den Täufer zu enthaupten. Denn Johannes empörte sich gegen die ungesetzliche Heirat ihrer Mutter mit Herodes. Sein abgeschlagener Kopf wurde Salome wunschgemäß in einer Schale dargebracht. Salomes Geschichte findet sich ohne ihre namentliche Erwähnung im Neuen Testament. Sowohl Matthäus (14, 6-11) als auch Markus (6, 21-28) erzählen, auf welche Weise Johannes der Täufer ums Leben kam.
In welcher Rolle sieht Alice hier Gordon? Ist er Herodes oder Johannes?

2.4.2.3 Theodora

Es gibt in dieser Erzählung zwei Männergestalten, die nicht sofort eineindeutig zuzuordnen sind. Sicherlich ist Titus klarer mit Gordon zu verbinden. Theodora schildert diese Beziehung mit der Worten: „Ich wollte Titus heilen. Ich glaubte, ich könnte es. Der Arzt ist selber krank geworden. Ich hatte mich von Gott, an den du glaubst und ich, losgesagt. Ich habe mich gegen ihn gestellt. Ich habe dem Höllenfürsten gedient. Ich bin verloren Philippus. Rühr mich nicht an, damit der Böse nicht auf dich überspringt.“ Wen oder was aber verkörpert Philippus dann? Ist es Alices Glaube oder ist es der gute Teil von Titus. Sieht Alice einen janusköpfigen Gordon? Diese Möglichkeit soll im Gliederungspunkt 2.5 „Die Wandlung vom dionysischen zum apollinischen“ ausführlicher beleuchtet werden.

2.4.3 Die Phantasien der Lehrerin, Edwards und Mckenzie

2.4.3.1 König Lear.

McKenzie erzählt eine persönlich abgewandelte Geschichte König Lears – entgegen des Wunsches von Edward, er möge die Geschichte Hamlets erzählen. Auf Edwards spätere Fragen entgegnet er, dass er mit seiner Geschichte Edwards Seelenleben zeichnen und ihm einen Spiegel vorhalten wollte. „[Edward:] „Da wäre ich der Eber?“ [Mackenzie:] „Nicht so, Eddy, nicht du – deine Richtung.““ Miss Virginia hingegen erinnert sich an folgendes Gespräch: „James etwas unternehmen! Er machte <hm>, zuckte die Achsel und ging seiner Wege. Er nannte übrigens damals Herrn Gordon, weil er so derb und finster war, einen wilden Eber; schon damals, er hänselte seine Schwester einmal damit beim Tee, ob sie sich stark genug fühlte, den wilden Eber zu zähmen.

Das ist die Geschichte von Lear, die er uns erzählte. Sie hatte sich die Zähmung vorgenommen, denke ich, oder sie hatte sich in diese Rolle hinein phantasiert, und bis zu einem gewissen Grade gelang es ihr auch. Aber…“
Folgt man der These, dass der Schwager Gordon mit König Lear identifiziert, sieht er die Geschichte Gordons bzw. dieses Lears als die Geschichte eines Ebers, wie Hermidran, der bislang jedoch keinen Gott wie Mod fand, der ihn zähmte. Bezeichnend ist auch, dass der Gott Mod erst dann die Kraft fand Hermindran zu bezwingen, als er den Gott der Missionare anrief.

Auch Freud schrieb über König Lear. Sein Interesse gilt vor allem der Wahl bei der Reichsaufteilung unter den Schwestern. Lear erkennt nicht die wahre Liebe seiner dritten Tochter. Wenn wir diesen Deutungsansatz weiterverfolgen, können wir daraus folgern, dass Gordon nicht die wahre Liebe von Alice erkannte, dass sie die einzige war, die bereit war, ihn zähmen zu wollen und dadurch auch zu erlösen. „Es soll uns nicht irremachen, wenn es bei Lear die drei Töchter des Wählenden sind, das bedeutet vielleicht nichts anderes, als dass Lear als alter Mann dargestellt werden soll. Den alten Mann kann man nicht leicht anders zwischen drei Frauen wählen lassen; darum werden diese zu seinen Töchtern.“ Gordon wird durch seine Fettleibigkeit ebenso als unbeweglicher „alter“ festgefahrener Mann dargestellt.

2.4.3.2 Edwards Phantasien

„Was ich will. Ganz einfach ich will Redlichkeit.“ Edward zitiert Sören Kierkegaard, der mit seiner protestantischen Kirche einen Kampf über das richtige Verhältnis zum Glauben ausfocht. Dieser Aufruf nach der Wahrheit ist auch der Grundgedanke des Hamlets. Edward lebt den Hamlet. Er sieht seinen Vater als Gordon als Apollonius, der seinen innigsten Wunsch (Ödipuskomplex) in die Tat umsetzte. Gordon tötete seinen wirklichen Vater Franklin Glenn, um seine Mutter zu ehelichen.

Er will nun diesen „Onkel“ stürzen und die Wahrheit ans Licht bringen. Zum einen fühlte er sich hierbei sogar angestachelt von Alice zum anderen fühlte er sich von ihr zurückgehalten. Miss Virginia schildert diese Mutterliebe so: „Aber eine Frau will nur eines: Liebe, und daran hält sie fest. Und wenn sie untergeht, hält sie noch an der Liebe fest. Wenn der Mann zu stark und zu streng ist, dann hält sich die Frau an das Kind. Darum liebt Ihre Mutter sie, Edward; glauben Sie mir: Sie tun ihr wohl, Sie sind Gordon Allison, aber ohne Stacheln.“

Diese hier beschriebene zärtliche Liebe empfindet auch Edward für seine Mutter, er erinnert sich an Zeiten mit Franklin und seine Mutter. „Es war eine schöne Zeit, Mutter: du warst glücklich.“ Aber er erinnert sich durchaus auch daran, dass er auch diesem Mann gegenüber seine Mutter beschützen wollte und hier die Mannesstelle einnehmen wollte. „Ich habe mich jedes Mal, wenn du mit ihm kamst, im Bett aufgesetzt, um Dir zu Hilfe zu kommen. Aber dann ist er gegangen.“ Gordon nun hat diesen Nebenbuhler aus dem Weg geräumt, den Edward instinktiv als Alice wahre Liebe und somit als seinen Vater annimmt. Die Tragödie Hamlet wiederholt sich.

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