Vom Dramatiker zum Denker – Biographie Friedrich Dürrenmatt

Zum ersten Teil der Buchvorstellung Biographie Friedrich Dürrenmatt

Nachdem ich im ersten Teil meiner Rezension, Kindheit, Jugend, die ersten Jahren in Bern, Kleine Ausflüge in seine Auslegung von Kant, Kierkegaard und Höhlengleichnis gezeigt habe, möchte ich im zweiten Teil die Neuerfindung seines Werks und sein zweites Leben anzeigen.

Den ersten Teil der Biografie kann man auch ausführlich bei Peter Rüedi in „Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen“ nachlesen, das aber völlig anders aufgebaut ist. Auf das Werk, das im gleichen Verlag erschien, werde ich in einem eigenen Artikel eingehen. Beide Biographien wurden von Anna von Planta lektoriert, die schon Dürrenmatts Lektorin war. Wahrscheinlich ist Frau von Planta die größte Kennerin von Dürrenmatts Werk.

Es ist schwierig bei einer Biografie eines so werksintensiven Künstlers, wie Dürrenmatt es war, nur einzelne Aspekte herauszuzeichnen und herauszustellen. Ulrich Weber gelingt es, Dürrenmatt aus unterschiedlichen Perspektiven vorzustellen. Der Höhepunkt und mir bislang eher unbekannt, ist das Spätwerk, die Neubearbeitung der „Stoffe“, das erst mit seinem Tod den Abschluss fand, wurde aus dem Nachlass heraus gesichtet und bearbeitet.

Auch die Nähe zum Verlag wird gezeigt. Daniel Keel und sein Diogenes Verlag waren Dürrenmatt sehr nah, waren Freunde.

Die Neuerfindung des Werks – Biographie Friedrich Dürrenmatt

Nachdem „Der Mitmacher“ 1973 im Zürcher Schauspielhaus durchfiel, fiel auch Dürrenmatt auf sich selbst zurück. „Wie konnte es dazu kommen, was steckte dahinter?“

Zwischen Mai und Mitte September 1973 beschäftigte sich Dürrenmatt wieder intensiv mit den philosophischen Werken von Sören Kierkegaard. Wie ich schon im ersten Teil erwähnte, sagte er selbst: „Ohne Kierkegaard bin ich als Schriftsteller nicht zu verstehen.“

Er wollte über „Kierkegaard und das Tragische“ promovieren, „vollzog aber stattdessen selbst einen existentiellen Sprung im Sinne Kierkegaards, indem er sein Philosophiestudium abbrach“. Alleine an dieser Formulierung kann der Leser erkennen, wie interessant und teilweise auch amüsant Ulrich Weber über Dürrenmatt erzählt. Der Leser kommt Dürrenmatt sehr nah.

An dieser Stelle sollte vielleicht erwähnt werden, dass er seine Lieblingsphilosophen nicht unbedingt so interpretierte, wie es vielleicht an Universitäten gelehrt wird. Ich stelle mir das eher so vor, als ob ein Musiker einen bekannten Hit, neu covered und in einer neuen Präsentation vorführt. Seine Adaptionen waren eher geistige Aneignungen.

1977 benennt Dürrenmatt die wichtigsten Werke für seine geistige Orientierung:

  • „Die Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant
  • „Philosophie des Als-Ob“ von Hans Vaihinger
  • „Philosophie der Naturwissenschaften“ von Arthur Eddington
  • „Denken in Begriffen“ von Alexander Wittenberg
  • „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper
  • „Unwissenschaftliche Nachschrift“ von Sören Kierkegaard
  • „Römerbrief“ von Karl Barth

Er selbst fühlte sich in der Figur des Sokrates sehr wohl. Alles in Frage stellen. Die Menschen ein wenig provozieren und als Narr oder Dilettant auftreten.

Zur Philosophie kam jetzt auch die moderne Physik, die ihn faszinierte, hinzu. „Er findet die moderne Form der Philosophie ‚bei Einstein und Heisenberg und nicht bei Heidegger'“. Er traf sich fast wöchentlich mit dem Physiker Marc Eichelberg.

Mit dieser Lektüre im Hinterkopf bearbeitete Dürrenmatt wieder und wieder das eigene Werk. Die Textgenetische Edition der „Stoffe“ in fünf Bänden im Schuber verbunden mit einer erweiterten Online-Version wird im, April 2021 von Ulrich Weber und Rudolf Probst aus dem Nachlass herausgegeben. Mit einem einleitenden Essay von Daniel Kehlmann.

Dürrenmatt entwickelte das Konzept der Eigenwelten. Dürrenmatt entwickelte sich vom Dramatiker zum Denker.

Ulrich Weber beschreibt auch die schwierige Freundschaft zwischen Max Frisch und Dürrenmatt. Auf diese Freundschaft werde ich im Rahmen von „Ich lese Dürrenmatt“ gesondert darauf eingehen und den Briefwechsel der Freunde betrachten. Rüedi, Peter: Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt. Briefwechsel. Diogenes. Zürich 1998.

In der Biografie werden die einzelnen Werke und deren Entstehungsprozess aufgezeigt. Darauf gehe ich später bei der Besprechung des Prosawerks und vielleicht auch noch der Dramen näher darauf ein und werde in diesem Rahmen wieder auf Ulrich Webers Biografie zugreifen.

Die große Leere – Biographie Friedrich Dürrenmatt

Als Lotti 1982 stirbt, fällt Dürrenmatt in eine Leere. In einer Filmproduktion nennt er es ein Vakuum. Er setzt Lottis Urne, ohne Feierlichkeiten oder Grabstein im eigenen Garten bei.

Ohne seine Haushälterin Beatrice Liechti oder seine Sekretärin Walburg Grafstein hätte Dürrenmatt seinen Alltag nicht bewältigen können. Freunde wie Veit Wyler, der Molekularbiologe Hans Noll, Heinz Ludwig Arnold und weitere sorgten sich um ihn. Der Kontakt zu seinem Sohn Pierre wurde stärker und er besuchte regelmäßig Lottis Schwester Vreni.

Das zweite Leben – Biographie Friedrich Dürrenmatt

Dürrenmatt verbringt viel Zeit mit Maximilian Schell, der ihm auch Charlotte Kerr vorstellt. Charlotte Kerr wird nach kurzer Zeit seine zweite Frau. Das Alleine-leben war für Dürrenmatt wohl eher keine Option. Lotti war für ihn immer der erste Ansprechpartner gewesen. Nur zum Unterschied zu Lotti, war Charlotte eine Frau, die selbst künstlerische Projekte verfolgte. Wie heißt es so schön, hinter einem großen Mann, steckt auch eine große Frau. Bei Lotti war Dürrenmatt sicherlich das unumstrittene Alphamännchen. Bei Charlotte war das Verhältnis schwieriger. Wie man aus der Biographie und den Filmen herausflüstern hört, war sie doch eher herrisch und hielt Dürrenmatt von seinen Freunden, bzw. seine Freunde von ihm fern.

Das Nashorn und die Tigerin – Biographie Friedrich Dürrenmatt

„Das Nashorn schreibt der Tigerin / Ich habe nichts als
dich im Sinn / denn ich denke vorne / über meinem
Nasenhorne / unter meiner Stirn / liegt das dich liebende
Gehirn / Hinten mit dem Schwanz da / Schreib ich meine
Prosa / Tunk das Schwänzchen ins Tintenfass / dichte dies
und reime das/ […]“

Maximilian Schell schenkte dem Paar ein grünes Plüschnashorn und einen Plüschtiger und sagte: »Das seid Ihr«. Die beiden übernahmen das als eigene Mythologie und behielten es bis zu seinem Tode bei.

Charlotte war 57, wirkte aber viel jünger als der behäbige Dürrenmatt. Sie war u. a. Schauspielerin, Journalistin und Filmemacherin. Sie hatte ihre eigene Wohnung in München, die sie auch während der Ehe behielt. Sie war in der Münchner Schickeria zuhause. Sie veränderte das Haus und letztendlich natürlich Dürrenmatts gewohntes Leben.

Charlotte spornte Dürrenmatt zu neuen literarischen Höhenflügen an. Es war sicherlich keine einfache Beziehung.

Charlotte Kerr schrieb ihre Erinnerungen in „Die Frau im roten Mantel“ nieder.

Kritik – Biographie Friedrich Dürrenmatt von Ulrich Weber

Die Biographie „Friedrich Dürrenmatt“ von Ulrich Weber liest sich fast wie ein Roman. Der Autor lässt Dürrenmatt als Protagonist einer tragischen Komödie auftreten, der mit ungeheuerlichen Auftritten nicht nur die Theaterwelt, sondern auch die Schweiz verstört. In dialektischer Form erklärt er bei einer Rede zu Ehre Vaclav Havels, warum jeder Schweizer gleichzeitig ein Gefangener, aber durch Einführung der allgemeinen Wärterpflicht, gleichzeitig sein eigener Wärter und deswegen frei ist. Und weil der Schweizer frei ist, macht er Geschäfte mit der ganzen Welt. (Hintergrund Apartheid und Handelsbeziehungen mit Südafrika).

Ulrich Weber hat mich gefesselt und in mir die Idee für das Projekt „Ich lese Dürrenmatt“ keimen lassen. Ich werde in den nächsten Monaten bei der Besprechung des Prosawerks noch mehrfach auf die Biografie zu sprechen kommen. Ich werde auf Schreibblogg und auf der Facebookseite „Ich lese Dürrenmatt“ die Werke besprechen und diskutieren. Wer mitlesen möchte, ist herzlich eingeladen!

Vernachlässigt wurden die Prosawerke und die Dramen, die ich gerne in den nächsten Monaten mit zeitlicher Einordnung besprechen möchte. Folgende Punkt werden in eigenen Beiträgen behandelt:

  • Dürrenmatts Freundschaft mit Max Frisch
  • Dürrenmatt und die Verlagsgeschichte von Diogenes. Im Rahmen der Recherche zum Projekt, sah ich den Film „Diogenes Portrait of an Publishing House by Rosemarie Pfluger, der mir freundlicher Weise vom Verlag zur Verfügung gestellt wurde.
  • Der Nachlass und das Schweizerische Literaturarchiv
  • „Die Frau im roten Mantel“ von Charlotte Kerr
  • „Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen“ von Peter Rüedi.
  • Prosawerk Dürrenmatt
  • Die dramatischen Werke

Ich habe in der vorliegenden Rezension nur wenige Punkte herausgestellt, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit haben, im Gegenteil: Sie sollen neugierig machen. Neugierig auf diese Schriftstellerbiografie über Dürrenmatts kreatives Leben.

Leseempfehlung!


Biographie Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Ulrich Weber

Hardcover Leinen
752 Seiten
erschienen am 23. September 2020

978-3-257-07100-9
€ (D) 28.00 / sFr 37.00* / € (A) 28.80
* unverb. Preisempfehlung

Weitere Links Biographie Friedrich Dürrenmatt

Projekt Friedrich Dürrenmatt auf Schreibblogg

Ich lese Dürrenmatt

Ulrich Weber bei Diogenes

Friedrich Dürrenmatt bei Diogenes

Centre Dürrenmatt in Neuchâtel

https://www.duerrenmatt.net/

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Hörspiel „Der Prozess um des Esels Schatten“ NDR

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Hörspiel „Der Richter und sein Henker“

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